Inhalt

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

Text: Audiodatei zum Download (mp3 - 4748 kB)


Die Geschichte des Berliner Reichstagsgebäudes


Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 war das alte Gebäude des Reichstages zu klein geworden, so dass ein größerer Tagungsort benötigt wurde. Eine Parlamentsbaukommission sollte die Vorbereitungen für einen „würdigen“ Neubau treffen. Man entschied sich für den neuen Standort an der Ostseite des Königsplatzes, obwohl die konservativen Abgeordneten diesen Bauplatz ablehnten, da der Reichstag damit in die Nähe des Stadtschlosses rückte, was eine politische Aufwertung des Parlamentes bedeutete. Im Dezember 1881 beschloss der Reichstag, das Baugelände zu erwerben.


Im Februar 1882 wurde ein Wettbewerb für das Gebäude ausgeschrieben, zu dem nur Architekten „deutscher Zunge“ zugelassen waren – eine Forderung des Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieurvereine. Hohe Preisgelder luden zur Teilnahme ein. Aus 189 anonym eingelieferten Einsendungen gingen die Entwürfe von Paul Wallot aus Frankfurt am Main und Friedrich von Thiersch aus München als Sieger hervor; beide erhielten erste Preise. Da aber Wallot eindeutig mehr Stimmen auf seiner Seite hatte – nämlich 19 von 21 –, bekam er den begehrten Auftrag.


Für den Architekten begann ein langwieriger und mühevoller Arbeitsprozess, eine ständige Auseinandersetzung mit mehreren zuständigen Instanzen. Nach einem Beschluss von 1880 sollte die Akademie des Bauwesens beim zukünftigen Neubau eines Reichstagsgebäudes unbedingt als Berater eingeschaltet werden – eine unglückliche Regelung, weil viele Akademiemitglieder am vorhergehenden Wettbewerb mit eigenen Entwürfen beteiligt waren. Die Bauabteilung im preußischen Ministerium verlangte ebenfalls weitreichende Änderungen. Wallot selbst blieb nach außen hin geduldig und beklagte sich nur in persönlichen Briefen. Er musste in Abständen von wenigen Monaten immer neue Entwürfe für die Anordnung der Innenräume und die Gestaltung der Fassaden liefern.


Schließlich konnte am 9.Juni 1884 der Grundstein gelegt werden. Viel Militär und nur wenige Parlamentarier nahmen an der verregneten Zeremonie teil. Drei Hohenzollern hatten die Hauptrollen: Kaiser Wilhelm I. sowie sein Sohn und sein Enkel – die späteren Kaiser Friedrich III. und Wilhelm II. Beim Hammerschlag Wilhelms I. zersprang das symbolische Werkzeug.


Während der Bauarbeiten entwickelte sich die Kuppel zum besonderen Problem. Durch verschiedene Einsprüche war Wallot gezwungen worden, sie von ihrer zentralen Position über dem Plenarsaal zur westlichen Eingangshalle zu verlegen. Je weiter der Bau vorankam, desto mehr kam der Architekt zu der Überzeugung, dass die erzwungene Änderung rückgängig gemacht werden müsse. In zähen Verhandlungen erreichte er die Zustimmung dafür. Inzwischen waren die tragenden Wände um das Plenum aber schon errichtet – zu schwach für die geplante steinerne Kuppel, wie alle Berechnungen ergaben. Erst der Bauingenieur Hermann Zimmermann, 1889 mit der Aufgabe betraut, fand eine Lösung. Er reduzierte die Kuppelhöhe von 85 auf knapp 75 Meter und schlug eine relativ leichte, technisch anspruchsvolle Konstruktion aus Stahl und Glas vor. Die so auf Umwegen entstandene Kuppel versorgte den Plenarsaal mit natürlichem Licht und gab dem Parlamentsgebäude den gewünschten würdigen Abschluss; darüber hinaus galt sie als Wahrzeichen für die Leistungsfähigkeit deutscher Ingenieure.


Wilhelm II., seit 1888 als Kaiser im Amt, hatte anfangs noch eine recht positive Einstellung zum Reichstagsgebäude. Er unterstützte Wallot auch in der Frage, wo die Kuppel zu platzieren sei, obwohl er sie prinzipiell als Ärgernis empfand – da er in ihr ein Symbol für die Ansprüche des ungeliebten Parlaments sah und weil sie mit ihren 67 Metern höher war als die Kuppel des Berliner Stadtschlosses. Seit etwa 1892 wurde eine zunehmende Abneigung des Kaisers gegenüber dem Gebäude deutlich; er bezeichnete es als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ und „völlig verunglückte Schöpfung“ und schmähte es inoffiziell als „Reichsaffenhaus“. Gegen Wallot entwickelte er eine deutliche persönliche Aversion, vermutlich weil der ihm einen Änderungswunsch spontan abgelehnt hatte. Er verweigerte dem Architekten mehrere Auszeichnungen, für die er vorgesehen war. Seinem Vertrauten Philipp zu Eulenburg teilte er brieflich mit, es sei ihm gelungen, Wallot im persönlichen Gespräch mehrfach zu beleidigen.


Paul Wallot entwickelte den Bau in dem zu seiner Zeit für Regierungsbauten üblichen Stil des Historismus: Für die Außenform verwendete der Architekt hauptsächlich Formen der italienischen Hochrenaissance (Neorenaissance) und verband sie mit einigen Elementen der deutschen Renaissance, mit etwas Neobarock und einer damals hochmodernen Stahl- und Glaskonstruktion der Kuppel. Das Ergebnis wurde offenbar von vielen Zeitgenossen nicht als gelungene Synthese empfunden, sondern als wenig überzeugendes Neben- und Durcheinander. Traditionalisten lehnten die technische Modernität der Kuppel ab; jüngere Kritiker konnten sich nicht mit dem massiven Quaderbau im Stil der Renaissance anfreunden. Besonders drastisch urteilte der einflussreiche Berliner Stadtbaurat und erfolgreiche Architekt Ludwig Hoffmann: er nannte das Gebäude einen „Leichenwagen erster Klasse“. In anderen Quellen wird allerdings davon gesprochen, dass die Mehrheit der deutschen Architekten den Bau nachdrücklich gelobt habe.


Am 5. Dezember 1894 wurde der Schlussstein gelegt. Wieder war es eine vorwiegend militärische Veranstaltung. Wallot führte den Kaiser und die Kaiserin durch das Gebäude; Wilhelm II. ließ öffentlich nur anerkennende Worte hören.


Die Baukosten betrugen 24 Millionen Mark, die aus den Reparationen beglichen wurden, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg von 1870/1871 zu zahlen hatte.


Das Reichstagsgebäude war mit der modernsten Technik ausgerüstet. Ein eigenes Kraftwerk versorgte das Gebäude mit elektrischem Strom. Ein Mangel allerdings war bald zu erkennen – es fehlte an ausreichenden Arbeitsräumen für alle Abgeordneten. Im Vergleich zu anderen europäischen Parlamentsbauten war das Gebäude mit seiner Grundfläche von 138×96 Metern relativ klein. Die Nöte eines fiktiven Abgeordneten wurden so beschrieben: „Was nützten ihm […] die fein geschnitzten Holzpaneele, die einzig schöne Aussicht auf den Königsplatz […], wenn er keinen leeren Stuhl fand und keinen freien Arbeitstisch zum ruhigen Lesen und Schreiben?“ Auch Umbauten in den folgenden Jahren konnten das Problem nicht beseitigen. Das Verhältniswahlrecht der Weimarer Republik ließ die Zahl der Abgeordneten dann sogar von 397 auf über 600 ansteigen. Gegen Ende der 1920er Jahre wurden Erweiterungsbauten nördlich des Reichstags geplant, aber nicht mehr ausgeführt.


Die künstlerische Ausgestaltung war mit der Schlusssteinlegung 1894 noch nicht abgeschlossen. Sie war vor allem darauf angelegt, die 1871 hergestellte Einheit des Reiches auszudrücken. Das Reichswappen im Giebel über dem Haupteingang und die Kaiserkrone auf der Kuppelspitze symbolisierten das erreichte Ziel, ebenso eine Germaniagruppe von Reinhold Begas über der Spitze des Hauptportals.


Mit einem Text, den Wallot bestimmt hatte, sollte das Gebäude „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ gewidmet werden. Die vorgesehene Stelle über dem Westportal blieb allerdings mehr als 20 Jahre lang leer. Es wird vermutet, der Kaiser selbst habe seinen Einfluss geltend gemacht, um die Inschrift zu verhindern. Erst zu Weihnachten 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde das Versäumte nachgeholt.


Vom zweiten Westbalkon links neben dem Hauptportal rief am Nachmittag des 9. November 1918 der SPD-Fraktionsvorsitzende Philipp Scheidemann die „Deutsche Republik“ aus. An dieser Stelle ist heute eine Gedenktafel angebracht.


In der Nacht zum 28. Februar 1933, vier Wochen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, schlugen Flammen aus der Kuppel des Reichstagsgebäudes. Der Plenarsaal und einige umliegende Räume brannten aus. Es handelte sich eindeutig um Brandstiftung. Die Nationalsozialisten waren Nutznießer des Brandes. Noch in derselben Nacht gingen sie mit massivem Terror gegen politische Gegner vor.


Während das entmachtete Parlament, in dem seit Juli 1933 nur noch nationalsozialistische Abgeordnete saßen, gegenüber in der Krolloper tagte, wurde die Kuppel des Reichstagsgebäudes notdürftig instand gesetzt, der zerstörte Plenarbereich allerdings nicht. Im Haus wurden nun Ausstellungen wie „Der ewige Jude“ und „Bolschewismus ohne Maske“ gezeigt. Zeitweilig waren hier auch Modelle der geplanten „Welthauptstadt Germania“ untergebracht, einer städtebaulichen Großmachtphantasie, die Albert Speer in engem Kontakt mit Hitler entworfen hatte.


Im Zweiten Weltkrieg mauerte man die Fenster zu. Die AEG produzierte hier Funkröhren, ein Lazarett wurde eingerichtet und die gynäkologische Station der nahe gelegenen Charité hierher verlegt – einige Hundert Berliner wurden im Reichstagsgebäude geboren.


Die Rote Armee sah im Reichstagsgebäude eines der Schlüsselsymbole des besiegten Deutschlands. Nach heftigen Kämpfen wurde es von der Roten Armee eingenommen. Am 30. April 1945 wurde die rote Sowjetfahne auf dem Dach des Gebäudes aufgepflanzt.


Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand das zuletzt heftig umkämpfte Reichstagsgebäude als Teilruine in einer von Trümmern geprägten Umgebung. Die Freiflächen ringsherum dienten der hungernden Bevölkerung für den Anbau von Kartoffeln und Gemüse. Am 22. November 1954 wurde die Kuppel gesprengt – wegen angeblicher statischer Unsicherheit und um das beschädigte Gebäude zu entlasten. Diese Begründung wird in kritischen Texten als „fragwürdig“ bezeichnet. In den folgenden Jahren beschränkte sich die neu gegründete Bundesbauverwaltung darauf, das Bauwerk zu sichern.


1955 beschloss der Bundestag die völlige Wiederherstellung. Allerdings war die Art der Nutzung im geteilten Deutschland noch ungewiss. Der Architekt Paul Baumgarten erhielt 1961 als Gewinner eines zulassungsbeschränkten Wettbewerbs den Auftrag für Planung und Leitung des Wiederaufbaus, der 1973 beendet war. Zahlreiche Schmuckelemente der Fassade fielen weg, die Ecktürme wurden in der Höhe reduziert, auf eine neue Kuppel verzichtete man. Im Inneren verschwanden große Teile der alten Bausubstanz hinter Abdeckplatten; neue Zwischengeschosse vergrößerten die Nutzfläche und veränderten dabei weitgehend die ursprüngliche Raumstruktur. Der Plenarsaal wurde gut doppelt so groß und hätte alle Abgeordneten eines wiedervereinigten Deutschland mühelos aufnehmen können.


Während der deutschen Teilung von 1961 bis 1989 verlief die Berliner Mauer unmittelbar an der Ostseite des Reichstagsgebäudes. Im Gebäude war ein Museum über den Bundestag und die Geschichte des Reichstagsgebäudes eingerichtet. Für ausländische Staatsgäste gehörte der Besuch der Außenterrassen mit Blick über die Berliner Mauer zum üblichen Programm. Seit 1971 wurde im Gebäude die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“ gezeigt und von mehreren Millionen Interessenten besucht.


Nach der Deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 beschloss der gesamtdeutsche Bundestag den Umzug von Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin und damit die Verlegung des Bundestages in das Reichstagsgebäude. Vorher musste das Reichstagsgebäude zu einem modernen Plenargebäude umgebaut werden. 1993 wurde dafür ein Realisierungswettbewerb ausgeschrieben. Die wesentlichen Planungskriterien waren Transparenz, Übersichtlichkeit und eine vorbildliche Energietechnik. Aus 80 eingereichten Entwürfen wurden der überarbeitete Entwurf von Foster + Partners (England) ausgewählt.


In seinem neuen Entwurf hatte Foster für das Dach des Reichstags keine Kuppel vorgesehen. In seinen Erläuterungen distanzierte er sich sogar ausdrücklich von jeder Erhebung auf dem Dach, die „aus rein symbolischen Gründen“ gebaut würde; weder einen Schirm (ähnlich dem ursprünglichen Entwurf) noch eine Kuppel könne er empfehlen. Diese Position ließ sich nicht halten. In den Jahren 1994/1995 mussten auf Druck der politischen Entscheidungsträger die Vorschläge für die Gestaltung des Daches mehrfach überarbeitet werden. Am 8.Mai 1995 wurde Fosters endgültiger Entwurf für eine gläserne, begehbare Kuppel vorgestellt, dem die Abgeordneten zustimmten. Der Architekt Calatrava erhob daraufhin den Vorwurf, dies sei ein Plagiat seines eigenen Wettbewerbsbeitrags, der eine transparente Kuppel ähnlicher Form vorsah. Nach Gutachten und Gegengutachten setzte sich die Ansicht der meisten Fachleute durch, wonach für ein traditionelles architektonisches Gestaltungselement wie eine Kuppel kein besonderer Rechtsschutz beansprucht werden könne. Außerdem hatte schon anlässlich der Ausrichtung des Wettbewerbs 1992 Gottfried Böhm seinen Entwurf für eine Kuppel veröffentlicht, die er 1988 im Auftrag von Bundeskanzler Helmut Kohl entworfen hatte. Dieser Entwurf zeigt bereits eine Glaskonstruktion mit spiralförmig aufsteigenden Gehwegen für Besucher und ist offensichtlich die Grundlage für die schließlich von Norman Foster widerwillig realisierte Kuppel.


Seit 1971 hatte das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude sein Projekt „Verhüllter Reichstag“ propagiert. Im Januar 1994 wurde im Bonner Bundestag entschieden, ob ein nationales Symbol von der Bedeutung des Reichstages Objekt einer solchen Kunstaktion werden sollte. Die Mehrheit stimmte dafür. Vom 24.Juni bis zum 7.Juli 1995 war das Gebäude vollständig mit silberglänzendem, feuerfestem Gewebe verhüllt und mit blauen, gut drei Zentimeter starken Seilen verschnürt. Die sommerliche Aktion nahm rasch den Charakter eines Volksfestes an. Fünf Millionen Besucher waren in den zwei Wochen anwesend. Die Resonanz in den internationalen Medien machte das Reichstagsgebäude weltweit bekannt.


Ende Juli 1995 – unmittelbar nach dem Ende der Episode des „Verhüllten Reichstags“ – begannen die eigentlichen Umbauarbeiten. Im Zentrum des Gebäudes entstand ein Neubau im Altbau. Er umfasst hauptsächlich den Plenarsaal, der sich über alle drei Hauptgeschosse erstreckt, und die Presselobby im dritten Obergeschoss. Die Nord- und Südflügel, etwa zwei Drittel des Gebäudes, verblieben als historischer Bestand und wurden lediglich saniert. Der Plenarsaal ist 1200 m² groß (bei Wallot waren es 640 m², bei Baumgarten 1375 m²) und wurde so verändert, dass das Präsidium jetzt wieder auf der Ostseite platziert ist, wie in der Anfangszeit des Gebäudes. Besucher erreichen die Tribünen im Plenum über ein eigens eingebautes Zwischengeschoss. Die dritte Etage ist den Abgeordneten und den Fraktionen vorbehalten. Im Neubau kamen zeitgemäße Materialien wie Sichtbeton, Glas und Stahl zum Einsatz, im Altbaubereich vorwiegend Kalk- und Sandstein in hellen, warmen Farbtönen. Ein neu entwickeltes Farbkonzept soll zur Übersichtlichkeit im Gebäude beitragen. Insgesamt neun, zum Teil sehr kräftige Farben kennzeichnen verschiedene Bereiche. Die Räume erhielten umlaufende starkfarbige Holzpaneele – was in Bezug auf die dort gezeigten Kunstwerke zum Teil als problematisch empfunden wurde.


Die nachträglich konzipierte begehbare Kuppel hat sich zur viel besuchten Attraktion und zu einem Wahrzeichen Berlins entwickelt. Die Kuppel misst 38 Meter im Durchmesser, hat eine Höhe von 23,5 Meter und wiegt 1200 Tonnen. Ihr Stahlskelett besteht aus 24 senkrechten Rippen im Abstand von 15 Grad und 17 waagerechten Ringen mit einem Abstand von 1,65 Meter, verkleidet mit 3000 m² Glas. An der Innenseite winden sich zwei um 180 versetzte spiralförmige, ungefähr 1,80 Meter breite Rampen von jeweils 230 Meter Länge hinauf zu einer Aussichtsplattform 40 Meter über Bodenniveau – beziehungsweise wieder hinunter zur Dachterrasse. Die Scheitelhöhe der Kuppel liegt bei 47 Meter über dem Boden – deutlich niedriger als bei Paul Wallot. Täglich werden im Durchschnitt 8000 Besucher gezählt.


Der Deutsche Bundestag nahm am 7.September 1999 seine ständige Arbeit im umgebauten Gebäude auf.