Inhalt

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

Text: Audiodatei zum Download (mp3 - 3.883 kB)


Das Jüdische Museum Berlin


Das Jüdische Museum Berlin ist das größte jüdische Museum Europas. Es bringt dem Besucher zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte nahe. Das Museum beherbergt eine Dauerausstellung, mehrere Wechselausstellungen, Archive, eine Bibliothek, das Rafael Roth Learning Center und Forschungseinrichtungen. Es entstand 1962 aus der jüdischen Abteilung des Berlin-Museums, als West-Berliner Reaktion auf den Bau der Mauer.


Das heutige Museum setzt sich aus dem Altbau des barocken Kollegienhauses, dem ehemaligen Kammergericht und dem zickzackförmigen Neubau des Architekten Daniel Libeskind zusammen. Dieser gewann 1989 mit seinem Entwurf den ersten Preis des Architektenwettbewerbs für die Erweiterung des Berlin-Museums. 1992 wurde der Grundstein für den Neubau gelegt und 1999 mit dem Deutschen Architekturpreis gewürdigt.


Mit seinem Entwurfskonzept „between the lines“ (zwischen den Linien oder den Zeilen) ist der Neubau ein Dialog zwischen zwei Linien die sich immer wieder kreuzen und an deren Schnittpunkten sich leere Türme befinden. Die Verstrickung der Linien kann als Hinweis auf die deutsch-jüdische Verflechtung in der Gesellschaft gedeutet werden.


Nach der feierlichen Eröffnung am 9. September 2001 war das Museum erst am 13. September 2001 für das Publikum zugänglich, aufgrund der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September, wurde der geplante Eröffnungstermin um zwei Tage verschoben. Seit der Eröffnung bis Ende 2011 hatte das Museum knapp 7,5 Millionen Besucher, es gehört damit zu den meistbesuchten Museen Berlins, denn der Neubau des Jüdischen Museums begeistert die Besucher besonders durch seine innovative Architektur.


Der Besucher kann in diesem Garten die Erfahrungen des Exils hautnah wahrnehmen. Fremdheit, ausgelöst durch die beschränkte Sicht und ein durch den schiefen Boden entstehender unsicherer Gang, zeigt auf, was Exil bedeuten kann. Der Besucher kommt aus dem Gleichgewicht, erlebt die Unsicherheit einer Exilsituation. Und doch führt die „Achse des Exils“ hinaus ins Freie, ins Licht.


Der erste Eindruck vom Gebäude ist der einer unzugänglichen Burg, ohne überschaubare Form und direkten Eingang, mit kleinen Schlitzfenstern und einer Zinkfassade, die nichts über das Innere preisgibt. Altbau und Neubau haben keine oberirdisch sichtbare Verbindung, sondern sind nur durch das Untergeschoss miteinander verbunden. Durch den Eingangsbereich im Altbau gelangen Besucher über eine schwarze Schiefertreppe ins Untergeschoss des Neubaus, in dem sich die Hauptausstellung des Museums, kleine temporäre Ausstellungen und das Rafael Roth Learning Center befinden.


Libeskind hat seinem Bau drei sich kreuzende schiefe „Achsen“ gegeben.


Die „Achse der Kontinuität“, die an einer hohen, zur Dauerausstellung führenden Treppe endet, die „Achse des Exils“ und die „Achse des Holocaust oder Vernichtung“. Die „Achse der Kontinuität“ führt über einen sehr schmalen Weg in die Helle und Weite des Treppenhauses und symbolisiert damit Hoffnung und das Weiterbestehen jüdischen Lebens in Berlin. Die „Achse des Exils“ führt aus dem Gebäude hinaus in den „Garten des Exils“, eine tiefer liegende quadratische Fläche, deren begrenzende Betonmauern die Sicht in die Umgebung verhindern. Im Garten des Exils stehen 49 sechs Meter hohe Betonstelen auf einem schiefen Grund, auf denen unzugänglich Ölweiden gepflanzt sind, das jüdische Symbol für Frieden und Hoffnung, hier stehen sie zudem für einen unerreichbaren Garten, einen Garten Eden. Die Zahl 49 nimmt Bezug auf das Gründungsjahr des Staates Israel, 1948, während die 49. Stele in der Mitte für Berlin steht.


Der Besucher kann in diesem Garten die Erfahrungen des Exils hautnah wahrnehmen. Fremdheit, ausgelöst durch die beschränkte Sicht und ein durch den schiefen Boden entstehender unsicherer Gang, zeigt auf, was Exil bedeuten kann. Der Besucher kommt aus dem Gleichgewicht, erlebt die Unsicherheit einer Exilsituation. Und doch führt die „Achse des Exils“ hinaus ins Freie, ins Licht.


Die dritte „Achse des Holocausts“ führt durch eine schwere Stahltür in den Holocaust-Turm. Dies ist ein 24 Meter hoher, trapezförmiger Schacht, der trichterförmig vor einer schwarzen Wand endet. Der dunkle, enge Gedenkraum ist durch einen Spalt in der Decke nach außen hin offen. Nur an dieser Stelle fällt Licht herein und bildet einen einzigen schmalen Lichtstreifen auf den Wänden ab. Unbeheizt und unklimatisiert ändern sich mit den Jahreszeiten die Raumtemperatur und Helligkeit. Der Besucher ist räumlich und visuell von der Umwelt abgeschlossen. Es bleibt nur eine akustische Wahrnehmung des Lebens außerhalb des Turmes. Der Besucher ist in eine Sackgasse geraten und nimmt unmittelbar die enge Bedrückung wahr.


Im Museumsneubau gibt es mehrere auf einer gebrochenen Linie angeordnete sogenannte „Voids“, vollkommen leere Räume, die sich vom Keller bis zum obersten Geschoss erstrecken. Diese Leere, dieses Nichts steht als Sinnbild für alles Verlorengegangene und Zerstörte, nicht mehr Ausstellbare. Die „Voids“ sind mit Ausnahme des „Memory Void“, in dem sich die Installation Shalechet – Gefallenes Laub von Menashe Kadishman befindet, nicht begehbar, von manchen Stellen aus aber einsehbar


Im „Memory Void“ sind über 10.000 Gesichter aus Stahlblech unterschiedlicher Ausführungen auf dem Boden verteilt, die nicht nur an die im Holocaust ermordeten Juden erinnern sollen, sondern allen Opfern von Krieg und Gewalt gewidmet sind. Dem Besucher steht es dabei frei, darüber zu gehen. Entscheidet er sich dafür, so erzeugt dies metallische Klänge. Es ist nicht möglich, sich leise fortzubewegen. Dies ist sicherlich eine Absicht des Künstlers: man gibt den Menschen ihre Stimme zurück.


2007 wurde der Neubau durch den Glashof nach dem Entwurf von Daniel Libeskind erweitert. Ein Glasdach überspannt den 670m² großen Innenhof des U-förmigen barocken Altbaus, und wird von vier freistehenden Stützenbündeln aus Stahl getragen. Der Entwurf bezieht sich auf das jüdische Laubhüttenfest „Sukkot“, einem frühen Erntedankfest, das in Erinnerung daran gefeiert wird, dass die Israeliten während der Wüstenwanderung in Hütten gelebt haben. Mit dem Glashof gewinnt das Museum einen Veranstaltungsraum für rund 500 Personen.


Das jüdische Museum ist ein Ort des Denkanstosses und der Erinnerung, ein aktives Museum, das den Besucher mit einbezieht. Es lebt dabei sehr von der Wechselwirkung zwischen Architektur und Geschichte, bietet nicht nur ganz neue und andere Raumerfahrungen, sondern schafft auch ein kulturhistorisches Verweissystem, mit dem der Architekt sein Gebäude in die Berliner Geschichte eingeschrieben hat. Die unmittelbare Verbindung von Museum und Denkmal kann das Unvorstellbare und Unverständliche erfahrbar machen und die Dynamik und verschiedenen Dimensionen der Geschichte veranschaulichen. Es leistet einen großen Beitrag für eine vielseitige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und wirbt für eine tolerante Gesellschaft.