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Station Seeufer, Liebesinsel und "Steinhaus mit Seelenloch"


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Sie haben nun das südliche Seeufer erreicht und sich damit dem Herzstück des Britzer Gartens angenähert. Auf der hügeligen Fläche stehen einige Bäume, die einen schattigen Hain bilden. Die Rasenfläche steigt sanft an und fällt dann steil zum schilfbewachsenen Ufer ab.

 

Die Liebesinsel gibt den Blick frei auf ihr Allerheiligstes, jenes geheimnisvolle Steinhaus, das mit seiner moosgrün schillernden Patina eher einer Halluzination gleicht als etwas Realem. Vielleicht sind Sie hier die Einzigen, die es überhaupt „sehen“. Manchem Vorübergehenden wird es nicht einmal auffallen, andere werden das Steinhaus vielleicht für einen Geräteschuppen halten. Auch der Name „Liebesinsel“ klingt verlockend. Tatsächlich steht er für unzugängliche und darum verführerische Inseln, die die romantische Phantasie anregen.

 

Die schilfgesäumte und von Bäumen bestandene Insel liegt in Rufweite vor Ihnen. An ihrem südlichen Ufer thront das verwunschen wirkende Steinhaus. Es wendet dem Wanderer seine südliche Giebelseite zu. In der Giebelwand ist ein kleines Loch ausgespart, das so genannte Seelenloch. Das Dreieck des Giebels und die schrägen Dachseiten bestehen aus demselben graugrünen Dolomitgestein wie die fenster- und türlosen Wände. Mit seinen glatten Wänden und seiner grabesstillen Ausstrahlung wirkt das Haus wie ein steinerner Sarkophag. Im Inneren des Steinhauses gibt es an der Nordwand einen einfachen Thron.

 

Jeweils zur Wintersonnenwende, also am 21. Dezember jeden Jahres um 12 Uhr Mittags, fällt ein Lichtstrahl durch das Loch im südlichen Giebel auf die Brust eines gedachten Sitzenden. So zumindest erklärte eine Hinweistafel, die inzwischen verschwunden ist, die Bedeutung des Steinhauses. Mit der Wintersonnenwende ist der tiefste Punkt des Jahres erreicht. Er ist zugleich der Zeitpunkt, an dem, mythologisch betrachtet, das Licht wiedergeboren wird. Seine aufstrebende, erweckende und erhellende Kraft wird sich nunmehr erneuern.

 

Das Lichtspiel, welches der Künstler auf so einfache Weise installiert hat, weckt die Erinnerung an eine Zeit, als sich die Menschen in ihren Ritualen mit den Zyklen der Natur im Einklang befanden. Die Priester und Eingeweihten der Frühgeschichte zogen sich an einsame Orte wie diesen zurück, um die Mysterien der Natur und der universellen Ordnung zu ergründen. Auch bei uns Heutigen verfehlt die Unerreichbarkeit und Verschlossenheit des Steinhauses ihre Anziehungskraft nicht. Die kleine Anlage wird zur Einladung, den begrenzten Raum der äußeren, körperlich greifbaren Welt zu verlassen und die imaginäre Reise anzutreten. Vielleicht will uns der Künstler an einen Punkt führen, an dem wir die Macht der Natur wieder deutlich spüren. Vielleicht will er aber einfach nur jenen magischen Augenblick festhalten, in dem das Licht das Herz berührt.