Die Schlesische Straße
oder der Kult ist hin und ein Mythos entsteht
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Wir fahren zum Schlesischen Tor. Ein Grenzbereich. 1902 wurde dort die Hochbahn erbaut, wo früher die schlesischen Fuhrwerke ihren Zoll entrichteten. Bis zum Naziregime gab es hier eine große Ansiedlung jüdischen Kultur- und Geschäftslebens. Vorwiegend wohnten und lebten die jüdischen Mitbürger in der Köpenicker-, Schlesischen- und Oranienstraße. Hier gründeten die Familien Wertheim und Leiser ihre ersten Geschäfte. Bis vor kurzem gab es noch eine Werbung der Firma Leiser in der Schlesischen Straße - leider ist sie verschwunden.
Mit dem Ende des 2. Weltkrieges wurde Kreuzberg 36, so die Postleitzahl, zum Ende der westlichen Welt. Kreuzberg 36 war um die Schlesische Straße quadratisch aufgebaut: drei Parallelstraßen: die Görtlitzerstraße, die Wrangelstraße und die Schlesische Straße, begrenzt durch die Spree und den Landwehrkanal. Diese Enklave am Ende der westlichen Welt reizte und war preiswert.
In den sanierungsbedürftigen Häusern mit Etagenklo und Kachelofen wohnten Ende der 60er Jahre hauptsächlich türkische und westdeutsche Migranten – ein bunter Mix aus Industriearbeitern, Linken, Schwulen, Anarchisten, gutbürgerlichen Wehrpflichtflüchtlingen und vielen anderen. Man war angekommen, um eine andere Kultur, ein anderes Leben und eine andere Politik zu pflegen und zu leben. Man studierte, protestierte, feierte und plante eine Art Revolution im Niemandsland. Eine kleine Enklave an der Mauer, wo weder die DDR Grenzer noch die Berliner Stadtmacht das Sagen hatte. Anders, neu, multikulturell und vielfältig. Zusammen feiern, wohnen, leben - und zumindest die Welt verändern.
Was geschah 1989? Der Kiez erlebte im November 1989 rund um die Schlesische Straße die Öffnung zum Osten. Clubs wie der Freischwimmer oder der Club der Visionäre eröffneten hier – hier wo früher nichts los war. Hier eröffneten nun Galerien, Flohmärkte und die Arena. Legale Clubs, illegale Clubs und Partys, Partys, Partys – kein Ende in Sicht.
Heute schlängelt sich die U- Bahn über die Oberbaumbrücke nach Friedrichshain:
Freilich zu einem anderen Friedrichshain, als noch 1989. Lang ist sie nicht die Schlesische Strasse, aber in den zahlreichen Kneipen, Restaurants und Clubs brummt es - rund um die Uhr. Zu jeder Zeit gibt es etwas zu essen und jeder Döner schmeckt anders. Alles ist anders als im übrigen Deutschland – ein Anziehungspunkt für alle jene, die das ‚Andere’ suchen. Auch heute noch, trotz oder wegen aller Veränderungen. Die älteste Tankstelle Berlins ist jetzt ein Feinschmeckerimbiss –
die Tanksäule verschwunden.
Heute ist eine ehemalige Karpfenzucht wieder eine Schleuse. Eine Schleuse, an der alle, die Kreuzberg auf dem Wasserweg durchqueren wollen, schon mal die Köpfe einziehen müssen. Die Brücken auf der Strecke von Kreuzberg zum Regierungsviertel hängen tief. Gesenkten Hauptes verlässt man Kreuzberg. Also viel Spaß.
