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Akazien- und Goltzstraße: Einführung


Steigt man die Treppe des U-Bahnhofs Eisenacher Straße (U7) nach oben, steht man an der Grunewaldstraße, einer der großen Durchgangsstraßen, die den Stadtbezirk Schöneberg durchqueren. Nach wenigen Schritten erreicht man die Straßenkreuzung, von der die Akazienstraße und die Goltzstraße abgehen. Die Akazienstraße verläuft in Richtung Süden bis zur Hauptstraße, die Goltzstraße führt Richtung Norden direkt in den Schöneberger Kiez.


Markiert wird die Kreuzung an der Grunewaldstraße durch die imposante Apostel-Paulus-Kirche, die hier im Stil der märkischen Backsteingotik Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Schwer beschädigt im Zweiten Weltkrieg, aber im Laufe der Jahre liebevoll restauriert und wiederaufgebaut, steht sie heute umringt von hohen Akazienbäumen. Sie sind die letzten Zeugen des Akazienwäldchens, das hier vor der Bebauung den kleinen Feldweg säumte, der 1840 zur Akazienstraße wurde. Die gerade mal 400 Meter lange Straße mit fast intakter Alt-Berliner Bebauung und natürlich gesäumt von Akazienbäumen ist hübsch anzusehen. Sie hat sich besonders in den letzten Jahren zu einer bunten lebendigen Einkaufs- und Erlebnis-Straße gemausert. Man spürt hier den lebendig gebliebenen Stadtteil. So auch auf dem Kleinkind-Spielplatz neben der Apostel-Paulus-Kirche. Bei schönem Wetter spielen hier nicht nur die Kinder zusammen, auch die Mütter haben sich viel zu erzählen. Man kennt und trifft sich hier.


Läuft man nun die Akazienstraße entlang, bemerkt man die ganz spezielle Mischung, die das Flair der Akazienstraße ausmacht. Das Angebot wechselt von alternativ orientiert über szenig bis hin zu alltäglich. Gleich am Anfang entdeckt man den alteingesessenen esoterischen Buchladen Dharma. Weiter kommt der Besucher an einigen indischen Restaurants vorbei, einem großen Steine-Laden und mehreren Geschäften, die den Geruch von Räucherstäbchen bis auf die Straße verströmen. In letzteren kann man indisches Kunsthandwerk, Klangschalen, Duftöle, Möbel aus Bambus und hippe bunte Kleidung aus Indien kaufen. Der Fleischer ist natürlich Bio, und um die Ecke bekommt man Bio-Katzen- und Hundefutter. Wer in die Hofeinfahrt zwischen dem tibetischen Restaurant Buddhahaus und dem Plüschsofa-Café Bilderbuch hineingeht, findet zum Akazienhof mit seinem großen Angebot an Veranstaltungen für ganzheitliche Lebensart. Der Hof selbst ist vollgestellt mit den Tischen und Stühlen des Café Bilderbuch und des Buddhahaus. Tibetische Fahnen flattern im Wind. An der Treppe zum Nepal Bazar mit asiatischem Kunsthandwerk gibt es etwa 150 Fächer für Flyer, die Anbieter aus ganz Berlin nutzen, um Veranstaltungen zum Thema Selbsterfahrung vorzustellen. Die Liste der Angebote im Haus selbst ist lang: Yoga, rauchfreie Tanzabende, Vorträge, Konzerte, Ayurveda oder Tai Chi. Auch die Redaktion der kostenlosen Stadtzeitung „Sein“ ist im Akazienhof ansässig. Besonders zu erwähnen ist noch Berlins schönstes und größtes Floating-Zentrum (Schwebebad-Zentrum) im Haus. Hier schwebt man in einer hochkonzentrierten Heilsole mit Unterwassermusik, was vitalisierend und tiefenentspannend zugleich wirken soll.


Alltägliches wie der Elektrogeräteladen oder das Fachgeschäft für Gardinen und Bodenbeläge sind bodenständige Ergänzungen zur Räucherstäbchen-Atmosphäre. Alteingesessene Läden wie die gut sortierte Strumpfboutique von Karin Reiter, der An- und Verkauf für Klassikmusik-Tonträger, szenige Modeboutiquen und vieles mehr laden zum Entdecken ein. Restaurants und Cafés, alle mit Stühlen auf dem Gehweg, runden das Bild ab.


Wenden wir uns der Goltzstraße zu. Der Namensgeber dieser Straße ist Friedrich Goltz (1825-1888), ein preußischer Ministerialbeamter und Berater der Stadt Schöneberg. Ihr Name ist erstmals um 1884 vermerkt. Auch sie beginnt an der Grunewaldstraße und ist etwa doppelt so lang wie die Akazienstraße. Noch mehr als bei der Akazienstraße hat man beim Betreten der Goltzstraße von der viel befahrenen Grunewaldstraße aus das Gefühl, in eine kleine Oase einzutreten. Es ist deutlich weniger Verkehr und es gibt viele kleine Geschäfte und Lokale. Anders als in der recht stabilen Akazienstraße besteht hier eine Diskrepanz zwischen alteingesessenen, langlebigen Geschäften und ständig wechselnden neuen Läden und alten Lokalen mit neuer Bewirtschaftung. Aber es gibt auch die Goltzstraße mit Geschichte und Tradition.


Die Goltzstraße hatte ihre Hoch-Zeit in den 80er Jahren. Es war eine der Szenestraßen West-Berlins. Hier ging man aus. Rund um die Goltzstraße öffneten angesagte Clubs, und in der Winterfeldstraße um die Ecke befanden sich die ersten besetzten Häuser Berlins. Zum Mythos in der Goltzstraße wurde das heutige Café M. Es hieß ursprünglich Café Mitropa, bis die Speisewagengesellschaft der Reichsbahn gegen die Nutzung dieses Namens klagte. Abgesehen vom Namen hat sich im Café M nicht viel verändert. Es lebt bis heute mit seinem kühlen 80er Jahre Charme. Hier sollen schon Nick Cave und Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) die Nächte durchgefeiert haben. Heute hat sich der Hype in der Goltzstraße gelegt, die Jugend ist in den Ostteil der Stadt gezogen. Die Ehemaligen machen heute Samstags-Frühshoppen im Feinkostgeschäft Deli an der Ecke Barbarossastraße. Für das leibliche Wohl steht nicht nur der erste indische Imbiss der Straße, das Rani, zur Verfügung, sondern es gibt eine Menge Restaurants mit Küchen aus aller Herren Länder. Oder man besucht eines der vielen Cafés und Bistros, die sich besonders zwischen Barbarossastraße und Hohenstaufenstraße angesiedelt haben. Für denjenigen, der es eilig hat, gibt es in der Goltzstraße einen besonderen Tipp: der Hotdog-Straßenverkauf in der Hausnummer 15. Hier gibt es zehn verschiedene Hotdog-Sorten. Alle auch mit Sojawurst für Vegetarier.


Die geschäftlichen Schwerpunkte sind in der Goltzstraße etwas anders gelagert als in der Akazienstraße. Es gibt diverse kleine und exklusive Möbelgeschäfte. Antike Möbel oder Holzmöbel, in eigenen Werkstätten hergestellt, werden angeboten. Weitere Läden kreisen um das Thema Einrichtung und verkaufen Fashion-Haushaltsartikel. Wer in der Goltzstraße einen Laden eröffnet, muss originell sein, um dem Anspruch des Goltzstraßen-Publikums gerecht zu werden. So ist das Café Sorgenfrei komplett im Stil der 50er Jahre dekoriert und alle Objekte sind käuflich zu erwerben. Beim Optiker steht ein Tischfußball, im Geschäft für textile Antiquitäten wird nach historischen Vorlagen geschneidert. Das Olivenöl aus dem griechischen Feinkostgeschäft Pikilia stammt von Plantagen der Familie in Griechenland und soll das Beste der Stadt sein. Ein Hauch von Luxus weht dem Besucher in manchem Laden um die Nase. Dabei ist die Atmosphäre entspannt in der Goltzstraße. Hier kann es dem Besucher passieren, dass der Verkäufer einer Boutique sich nach drei Jahren noch an ihn und an den Pullover, den er gekauft hat, erinnert. Oder der Besitzer eines Möbelgeschäftes, der vor seinem Laden frühstückt, lädt einen Besucher ein, Platz zu nehmen und einen Kaffee mit ihm zu trinken.


Tradition und die Pflege des Altbewährten spiegeln sich wieder im Buchantiquariat, dem Laden der Berliner Geschichtswerkstatt oder in den Secondhand-Läden. Als Urgestein kann man den Hobby- und Künstlerbedarfsladen von Wilhelm Rüther an der Ecke Frankenstraße bezeichnen. Hier bekommt man alles rund ums Basteln, Werken und Papier. Herr Rüther steht noch selbst im Laden, und seine vielen Mitarbeiter beraten die Kundschaft kompetent und freundlich.


Zum Schluss ist noch ein Bestandteil zu nennen, der atmosphärisch die Goltzstraße und den umliegenden Kiez beeinflusst: Das Pestalozzi-Fröbel-Haus. Es ist Träger diverser sozialer Einrichtungen, unter anderem auch der Kiez-Oase Schöneberg. Rund um die Goltzstraße geht es um Kinder- und Jugendarbeit, Nachbarschafts- und Migrationshilfe. Das Seniorencafé, der Mädchentreff Café Pink in der Goltzstraße 40 und die seit den 70er Jahren heiß begehrte Erzieherfachschule mit eigener Kita sind nur einige Beispiele der sozialen Bandbreite dieser Institution. Das Pestalozzi-Fröbel-Haus ist nicht zuletzt ein Ausdruck für die Lebendigkeit des Kiezes. Der Kiez will Kiez bleiben. Hier wird neben allen Angeboten für Besucher gewohnt und gelebt. Der Besucher wird mit einbezogen in das Leben und wem das gefällt, der kommt gerne immer wieder in den Schöneberger Kiez.