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Das Mahnmal zum Gedenken an den Todessturz des Asylbewerbers Cemal Kemal Altun, Hardenbergstraße 20, 10 62 3 Berlin


Audiodeskription


1996, dreizehn Jahre nach dem tragischen Tod von Cemal Kemal Altun durch einen Sprung aus einem Fenster im sechsten Stock des Oberverwaltungsgerichtes, konnte endlich das Mahnmal für den türkischen Studenten und Sozialdemokraten aufgestellt werden. Am 30. August 1983, dem zweiten Verhandlungstag nach dreizehn Monaten Einzelhaft, stürzte sich Altun, nachdem ihm die Handschellen abgenommen worden waren, kurzerhand aus dem zum Lüften offen stehenden Fenster 25 Meter in die Tiefe. Er war sofort tot.


Das Mahnmal steht auf der dem Oberverwaltungsgericht gegenüberliegenden Straßenseite vor dem Glaspavillon Hardenbergstraße 20, in dem sich heute das Weingeschäft Jacques’ Weindepot befindet. Besonders die damalige Präsidentin der Liga für Menschenrechte, Alisa Fuss, machte sich jahrelang stark dafür, dass das traurige Schicksal von Cemal Kemal Altun nicht vergessen wird. Mit Unterstützung des Bezirksamts Charlottenburg, der SPD-Bezirksbürgermeisterin Monika Wissel und einer Vielzahl von Spendern konnte es realisiert werden. Monika Wissel war es auch, die das Mahnmal feierlich enthüllte.


Der große Granitblock steht auf einer Rasenfläche vor dem Pavillon. Achtung: der Rasen ist mit Kantensteinen eingefasst. Die Skulptur ist nicht umzäunt, so ist gut zu erforschen, mit welcher künstlerischen Freiheit der Bildhauer das Thema interpretiert hat. Der Künstler selbst, Akbar Behkalam hat seinen Namen in vertikalen Großbuchstaben mit der Jahreszahl der Erstellung auf der Rückseite des Steins eingeritzt. Der rechteckige Granitstein, grau mit weißen und schwarzen Sprenkeln ist 1 Meter 30 breit, 45 Zentimeter tief und 2 Meter 50 hoch. Auf der breiten Vorderseite ist ein kopfüber herabstürzender Mensch dargestellt. Vorder- und Rückseite des Quaders sind in ihrer Oberfläche rau belassen. Die schmalen Querseiten sind glatt poliert.


Der Steinblock ist von oben her mittig aufgebrochen, rudimentär, mit spitzen Kanten, rauen Flächen, Kerben, Furchen und Schlitzen. Die offene Spaltung geht fast bis zur Hälfte der Steinhöhe und erinnert an einen Blitzeinschlag oder an eine Erd- oder Gletscherspalte. Die so herbeigeführte Öffnung wirkt nicht harmonisch, eher willkürlich, bizarr, zerstörend oder auch verstörend. Der Betrachter und auch der Ertaster werden abwärts zum spitzen Boden der Steinschlucht geführt. Dort beginnt die angedeutete Menschengestalt, die sich kopfüber mit ausgestreckten Armen in die Tiefe stürzt. Man folgt weiter den vertikalen Kerben, Wölbungen und aufgerauten Vertiefungen und kommt zu einem Loch im Stein. Hier sollte der Kopf des Herabstürzenden sein. War es eine kopflose Handlung des verzweifelten Studenten Kemal, sich während seiner Verhandlung aus dem Fenster zu stürzen? Oder überhaupt keine Entscheidung seines Kopfes, den Freitod den zu erwartenden Grausamkeiten seines Regimes bei Auslieferung vorzuziehen? Hielt er die Anspannung der Verhandlung nicht mehr aus, verlor den Kopf und handelte in Panik? Die vom Bildhauer gewählte Darstellung lädt den Betrachter ein, sich seine eigenen Gedanken zu machen.


Von dem Loch führen zwei eingemeißelte Arme weiter in die Tiefe, Hände zeigen nach unten. Sie sind schon fast am Boden des Steins angekommen. Als einzige Körperteile ganz klar als Hände in ihrer Form zu erkennen, hat jede Hand ihren eigenen Ausdruck. Die, vom Betrachter aus gesehen, linke Hand ist mit drei gerade zum Boden zeigenden Fingern dargestellt. Sie vermitteln ein zielgerichtetes Greifen. Die rechte Hand, etwas höher, ist geformt als leicht geöffnete Handfläche von der Seite, die in ihrer Haltung dem Nehmen oder Empfangen zugeordnet wird. Wiederum wird der Betrachter zu eigenen Gedanken angeregt. Greift der Stürzende nach der Rettung des Todes? Will er den Tod empfangen? Es sei jedem die Interpretation dieser Momentaufnahme freigestellt.


Das Mahnmal ist keine Schönheit. Das soll es auch nicht sein. Es will mahnen, aufmerksam machen und dafür sorgen, dass nicht vergessen wird, in welche inneren Nöte und Konflikte Kemal und die vielen anderen Asylbewerber durch schwerfällige und ungerechte politische und juristische Handlungsweisen kommen können. Es steht für Kemal und die vielen anderen, die den Freitod als einzigen Ausweg sehen, der Angst vor möglicher Auslieferung und den damit verbundenen Grausamkeiten an Leib und Seele zu entkommen. An den beiden glatt polierten Schmalseiten ist ein erklärender Text in Augenhöhe eingraviert und auch ertastbar. Er lautet: „Cemal Kemal Altun stürzte sich am 30. August 1983 als politischer Flüchtling hier aus dem Fenster des Verwaltungsgerichts aus Angst vor Auslieferung in den Tod. Politisch Verfolgte müssen Asyl erhalten.“ Vom Betrachter aus steht er auf der rechten Seite in deutscher und auf der linken Seite in türkischer Sprache.


Der damals Dreiundzwanzigjährige wurde auf dem Kirchhof der Dreifaltigkeitsgemeinde in Mariendorf beigesetzt, mit einem kleinen Findling als Grabstein.