Inhalt

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

Text: Audiodatei zum Download (mp3 - 13434 kB)


Der Ernst-Reuter-Platz


Verkehrslärm schlägt einem entgegen, wenn man aus dem U-Bahn-Bereich auf die Straße kommt. Linker Hand hört man die Autos der in beiden Richtungen dreispurigen Hardenbergstraße und von hinten schallt das Rauschen des vierspurigen Kreisverkehrs Ernst-Reuter-Platz mit den fünf sternförmig abgehenden Straßenzügen. Wenn man die Ohren spitzt, kann man in den Sommermonaten das Plätschern der hohen Wasserfontäne im Wasserbecken der Mittelinsel mit weiteren 49 kleinen Wasserspielen hören.


Es fing harmlos an, damals im Jahre 1865. Auf einem einfachen Fahrweg fuhr hier die erste deutsche Pferdebahnlinie vom Brandenburger Tor bis nach Charlottenburg. Um 1900 kreuzten sich bereits diverse Straßenbahnlinien. Der heutige Ernst-Reuter-Platz wurde von den Berlinern lange als „Knie“ bezeichnet, da sich an dieser Stelle der einzige Knick im Streckenverlauf zwischen dem ehemaligen Stadtschloss Unter den Linden und dem Schloss Charlottenburg befindet. Heute ist es die Otto–Suhr–Allee, die vom Schloss Charlottenburg bis zum Ernst-Reuter-Platz führt. 1902 wurde die erste westliche U-Bahn Strecke Warschauer Straße/ Zoologischer Garten bis zum „Knie“ verlängert.


Im Rahmen der „Germania“ -Planung Albert Speers, unter den Nationalsozialisten, spielte der Ernst-Reuter-Platz als Teil der großen Ost-West-Achse eine zentrale Rolle. Die Weitläufigkeit der stadtplanerischen Ausmaße ist bis heute spürbar und am beeindruckendsten wahrnehmbar, wenn man durch einen Tunnel vom U-Bahn Bereich die riesige Mittelinsel mit Wiesenflächen und Wasserspielen besucht.


Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wählte man für die Wiederbebauung eine städtebauliche Lösung, die wir heute eher als unwirtlich empfinden. Offen um den Platz gruppieren sich hohe Büro- und Geschäftshäuser in Glas, Stahl und Beton. 1953 wurde der Platz nach dem damaligen Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter benannt und ist heute einer der größten Verkehrsknotenpunkte Berlins. Das dortige, sogenannte „Telefunkenhaus“ war zur Zeit seiner Entstehung mit einer Höhe von 80 Metern und zweiundzwanzig Stockwerken das höchste Bürogebäude Berlins. Als Beispiel der Nachkriegsmoderne steht das gesamte Platzensemble heute unter Denkmalschutz.


Ebenfalls um den Ernst-Reuter-Platz herum, in die Straße des 17. Juni und die Hardenbergstraße hinein, bis hin zur Fasanenstraße, wachsen die Gebäude und Institute der Technischen Universität und der Universität der Künste, der UdK. An TU und UdK, einer Kunsthochschule (und die kleinste der vier Berliner Universitäten), studieren zusammen um die 30.000 Studenten.


Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Hardenbergstraße eine herrschaftliche Wohnstraße mit Stadtvillen und großbürgerlichen Wohnhäusern, in die sich das atmosphärische Treiben der Hochschulen homogen integrierte. Heute sind die Stadtvillen allesamt verschwunden. Das erhöhte Verkehrsaufkommen und die Büro- und Geschäftsraum-Nachfrage in der City-West setzen neue Akzente. Es wird nicht mehr viel gewohnt in dieser Gegend, was den Straßenzügen ihre etwas unbelebte Atmosphäre verleiht. Dennoch gibt es architektonisch Bemerkenswertes über die Hardenbergstraße zu berichten.


Im Block zwischen Schillerstraße und Knesebeckstraße begegnet uns eins der schönsten und bedeutendsten Nachkriegsbüro- und Geschäftshäuser Berlins, das Haus Hardenberg. Zu West-Berliner Zeiten befand sich hier die stadtbekannte Buchhandlung „Kiepert“, für welche das Haus 1955-56 ursprünglich von Paul Schwebes gebaut wurde. Er war auch bei der Planung des schon erwähnten „Telefunkenhauses“, dem Glaspavillon Hardenbergstraße 20, heute „Jacques’ Weindepot“ und der alten Börse dabei.


Heute sind im Haus Hardenberg unter anderem das von uns vorgestellte Kaufhaus „Manufactum“ und die Buchhandlung „Lehmann“ ansässig. Erbaut auf einem trapezförmigen Grundriss, schwingt sich straßenseitig die sieben Etagen hohe Glasfassade in eleganten Kurven von der Hardenbergstraße in die Schillerstraße und die Knesebeckstraße hinein. Auch die Schaufensterscheiben am Haupteingang des Hauses nehmen das Stilelement der Rundungen auf. Die Fassade ist deutlich horizontal gegliedert durch Fensterbänder, Brüstungselemente in weißem und schwarzem Glas, welche durch schmale goldfarbene Messingprofile gerahmt sind. On top, ganz typisch für die 50er Jahre, ragt eine schmale Platte, ein sogenanntes Flugdach, in ebenfalls schwungvollen Kurven geformt, weit über die Fassadenlinie hinaus.


Nach Überqueren der Knesebeckstraße steht man vor dem „Renaissancetheater“, dem einzigen vollständig erhaltenen Art-déco-Theater Europas. Um es zu erleben muss man allerdings hineingehen. Von außen schmucklos gehalten, fällt nur der spitze Dachgiebel auf, der wie ein Pfeil in den Himmel ragt, sowie die schmalen, kirchenfensterartigen Eingangsflügel über drei Etagen, die den halbrunden Vorbau flankieren. 1926/ 27 wurde es in ein bereits bestehendes Theater und Kinogebäude eingebaut, 1946 nach Kriegsschäden wieder instandgesetzt. Es steht heute ebenfalls unter Denkmalschutz. Auf dem kleinen Platz vor dem Theater steht der Entenbrunnen von August Gaul.


Die linke Straßenseite der Hardenbergstraße wird bis zum Steinplatz komplett von modernen Universitätsgebäuden eingenommen, abschließend von dem gründerzeitlichen Massivbau der UdK. Die rechte Straßenseite ist gesäumt von einer einheitlichen Bauflucht gewerblich genutzter Gebäude. Hier befinden sich auch das „Steinwayhaus“ und das „Café Hardenberg“.


Gegenüber der UdK lockert der kleine Park am Steinplatz die Bebauung auf. Hier findet man einen Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus und Stalinismus sowie eine Büste des Namensgebers Freiherr von Stein, ein Zeitgenosse Hardenbergs.


An der Kreuzung Hardenbergstraße/ Fasanenstraße begegnen dem architektonisch Interessierten gleich zwei prägnante Beispiele des Städtebaus der 50er Jahre. Hoch hinaus ragt das Solitär der Berliner Bank Zentrale. Auf der gesamten Hausfläche sind die schmalen tiefliegenden Fenster mit weißen Fassadenelementen umrahmt. Der optische Effekt erinnert an einen Setzkasten, in der Architektur nennt man dies Lochfassade.


Auch auf der gegenüber liegenden Straßenseite präsentiert sich das Gebäude der IHK im 50er Jahre Stil. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard legte 1954 den Grundstein für das Geschäftshaus. Auch hier fällt die kleinformatige Unterteilung der Fenster auf, hervorgehoben durch vertikale Mauervorsprünge. Heute ist im Haus nur noch das Bildungszentrum der IHK ansässig. Wenn man hinter dem Gebäude in die Fasanenstraße hineinschaut, lugt das 1998 fertiggestellte Ludwig-Erhard-Haus mit seiner spektakulären Tragekonstruktion aus fünfzehn mächtigen Stahlbögen hervor, der neue Sitz der IHK.


Auf einer kleinen Grünfläche Ecke Fasanenstraße ist der stählerne Richtkranz des Ludwig-Erhard-Hauses aufgestellt, gestiftet von „Krupp Stahlbau“. Er wurde im Dezember 1995 in einer feierlichen Zeremonie, zu Klängen von Drums & Pipes, 40 Meter hoch über den höchsten Stahlbogen des Ludwig-Erhard-Hauses in den Berliner Himmel gezogen. Von der Wiesenfläche ist der Stahlring kniehoch entfernt. Man kann die beiden Stahlbögen ertasten, die sich in einem Winkel von 90 Grad zueinander in Sinuskurvenform 4,50 Meter in die Höhe schwingen, um sich dann an der Spitze zu kreuzen. Das Gesamtgewicht beträgt stolze 900 Kilogramm.


Wir bewegen uns die Hardenbergstraße weiter in Richtung Zoo. Trotz der innerstädtischen Bebauung ist bis heute die Blickbeziehung zur Gedächtniskirche erhalten geblieben. Sie schaut hinter der Eisenbahnbrücke vom Bahnhof Zoo hervor. Durch den Neubau des 32-stöckigen Wolkenkratzers „Zoofenster“ mit dem Luxushotel „Waldorf Astoria“ erscheint uns die Gedächtniskirche im Verhältnis dazu allerdings wie eine kleine Dorfkirche.


Auf der rechten Straßenseite, kurz vor der Eisenbahnbrücke, begegnet uns ein zu West-Berliner Zeiten polithistorisch bedeutendes Nachkriegsgebäude, das „Amerikahaus“. Erbaut wurde es 1957 als Kultur– und Informationszentrum der USA. Architektonisch erinnert es eher an ein Schulgebäude. Das einzig hervorstechende an diesem einfachen Quader mit schmucklosen Fensterbändern ist die Mosaikfassade mit dem Schriftzug „Amerikahaus“ über dem Eingangsbereich. Große hellblaue und graue Rechtecke wechseln sich ab und in der rechten Hälfte fangen sechs orangefarbene Mosaikstreifen den Blick. Mit viel Fantasie kann man sich eine Anlehnung an die US-amerikanische Flagge vorstellen.


Besonderer Beliebtheit erfreuten sich zunächst die Stipendien des Amerikahauses. Zur Zeit des Vietnam-Krieges schlug die Stimmung aber um. Das Haus wurde Ziel zahlloser militanter Demonstrationen gegen die Außenpolitik der USA. Polizei, Kontrolle und Zaunsysteme bestimmten seitdem das Bild des Amerikahauses. Noch einmal verschärfte sich die Situation während des Irak-Krieges, was 2003 zur Auflösung der Institution führte. Seit 2006 steht das Haus leer und dient gelegentlich als Ausstellungsort.


Mit dem wuchtigen Gebäude des Oberverwaltungsgerichtes auf der gegenüberliegenden Straßenseite endet die Bebauung der Hardenbergstraße vor dem Bahnhof Zoo. Die sogenannten „Rustika“, große raue Steinblöcke, die den Sockel mit dem Erdgeschoss verbindend verkleiden, lassen die Dimensionen des Justizpalastes im deutschen Neobarock erahnen. Darüber erheben sich zwei Obergeschosse mit dekorreichen Fensterelementen. Auf den Säulen, die das Hauptportal umrahmen, sitzen zwei Figuren. Links die Weisheit, die das zu sprechende Urteil sucht, rechts die Wahrheit, die das Urteil spricht. Das großflächige rote Ziegeldach gibt dem Bau einen würdigen Abschluss.


Direkt hinter dem Gebäude führt die schon erwähnte breite Bahnbrücke über die Hardenbergstraße zum Bahnhof Zoo, dem ehemaligen Westberliner Hauptbahnhof. Man hört die ein- und ausfahrenden Züge der Bundesbahn und der Berliner Stadtbahn, sowie vermehrten Fahrzeuglärm. Die Hardenbergstraße endet an einem weiteren Verkehrsknotenpunkt Berlins, der Straßenkreuzung Hardenberg – Budapester- und Joachimsthaler Straße. Dahinter befindet sich der Breitscheidplatz mit der Gedächtniskirche.


Wir beschließen unseren Spaziergang mit zwei geschichtspolitisch bedeutenden Ereignissen die im zwanzigsten Jahrhundert in der Hardenbergstraße stattfanden. Im März 1921 erschoss der junge Armenier Salomon Tehlerjan den ehemaligen Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reiches (der heutigen Türkei) Talaat Pascha vor dem IHK Gebäude. Pascha war einer der Hauptverantwortlichen für den grausamen Genozid am armenischen Volk im Jahr 1915. Sensationell war und ist bis heute der Freispruch des geständigen Attentäters.


Tragisch endete die Geschichte des 23jährigen Kemal Altun im August 1983. Als in seiner türkischen Heimat politisch verfolgter Student bat er in Deutschland um Asyl. Er hielt die Anspannung des Abschiebungsverfahren und die Angst vor drohender Auslieferung in die Militärdiktatur nicht mehr aus und stürzte sich aus dem sechsten Stock des Berliner Oberverwaltungsgerichtes in den Tod. Das erregte damals bundesweites Aufsehen. Ein halbes Jahr nach seinem Tod wurde sein Asylantrag bewilligt. Wolf Biermann schrieb eine Ballade über das Schicksal Kemal Altuns. Vor der Hardenbergstraße 20 ist ein Gedenkstein für ihn aufgestellt