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Die Letzten ihrer Art
Berliner Zeitung vom 14.08.2003
von Brenda Strohmaier


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Die Briten Douglas Adams und Mark Carwardine haben einst allerlei vom Aussterben bedrohte Tiere in der ganzen Welt besucht – die stinkenden Drachenechsen auf Komodo beispielsweise und fette, unbewegliche Papageien namens Kakapo in Neuseeland. Komische Tiere eben. Dann haben sie "Die Letzten ihrer Art" geschrieben. Ein Bestseller. Noch gibt es kein Buch über Joachim Mendler und sein Vieh. Aber immerhin ist seinem Betrieb eine Seite in einer Broschüre gewidmet, die den gleichen Titel tragen könnte. "Berliner Landwirte und Landfrauen stellen sich vor", heißt sie. In den 50er-Jahren gab es noch 200 Bauernhöfe in Berlin. Heute, so lehrt das Büchlein, sind es nur noch 39. Mit den Bauern verschwinden auch die Nutztiere aus der Stadt. Aber noch gibt es ihn - den Milchhof Mendler, der für sich mit dem Slogan "der artenreichste Bauernhof in Berlin" wirbt.

 

In der Tat. In Rudow an der Grenze zu Schönefeld, gerade mal eine halbe Autostunde vom Alexanderplatz entfernt, leben nicht nur Schafe, Ziegen, Puten, Hühner und ein Pfau, sondern auch Pferde, Kühe und Schweine. Und zwar auf einem Bauernhof, wie Landmenschen ihn kennen - inklusive Traktoren, Gras-Silage-Geruch und Weideland.Ein paar Unterschiede gibt es aber doch. Die Tiere grasen in der Nähe von Plattenbauriegeln und einem internationalen Flughafen. Und nach der Arbeit nutzt Bauer Mendler gerne mal die Vorteile der Großstadt, geht ins Kino oder Eis essen."Das geht aber nur spontan. Sonst verabrede ich mich vorher, und dann kalbt die Kuh", sagt der 48-jährige Joachim Mendler. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Georg hatte er vor 25 Jahren den Hof übernommen, nachdem der Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Als die Mendler- Söhne ihr Erbe antraten, befand der Hof sich noch mitten in Schöneberg. Vor 21 Jahren siedelte die Familie schließlich nach Rudow um, weil der Mendlerhof beim Wohnungsbau im Weg war. Ein Problem, mit dem viele Landwirte auch jetzt noch kämpfen. "Viele geben deshalb ihren Betrieb auf, weil es kaum noch Flächen in der Stadt gibt, die sie pachten können", sagt Joachim Mendler.

 

Für seine Familie war es ein Glücksfall, als die Mauer fiel, die er von seinem Grundstück aus sehen konnte. Nun konnte sie Land hinzupachten. 75 Hektar sind es inzwischen insgesamt. Fläche, die vor allem Gras und Mais, also Futter für das Vieh, abwirft. Normalerweise. "Dieses Jahr haben die Bauern wirklich Grund zu klagen", sagt Mendler. So erntete er in diesem Sommer 50 Prozent weniger Gras als im Durchschnitt. Und auch die Maisernte fällt dieses Jahr deutlich magerer aus. "Wir füttern jetzt Heu zu", sagt Mendler. Irgendwie müssen seine 75 Kühe schließlich satt werden, der größte Teil ist Milchvieh, ein paar Tiere sind auch zum Schlachten vorgesehen. Milch und Fleisch verkauft die 72-jährige Mutter von Mendler im Hofladen. Der Direktvertrieb ist heute die wichtigste Einnahmequelle für die Bauernfamilie.

 

Auch ein paar Schweine besitzen die Mendlers. Bis vor fünf Jahren waren es allerdings noch 250 - dann war absehbar, dass man sie aus hygienischen Gründen bald nicht mehr mit Küchenabfällen füttern dürfte. "Damals sind wir auf Pferde umgestiegen. Das ist unser zweites Standbein", sagt Mendler. Alle 40 Pferdeboxen seien inzwischen belegt. Einige der Pächter hatten ihre Tiere zuvor in Brandenburg stehen. "Dort kann man besser ausreiten. Bei uns ist man dafür näher dran", sagt Mendler.Auch andere Stadtmenschen profitieren von dem Bauernhof. Dutzende von Kitas und Vorschulklassen besuchen jedes Jahr den Hof, um sich über das exotische Landleben vor Ort zu informieren. Offenbar haben nicht nur Stadtkinder Nachholbedarf. "Auch manche Eltern können einen Bullen nicht von einer Kuh unterscheiden", erzählt Mendler. Nicht nur deshalb findet er wichtig, dass die Spezies Berliner Bauer weiter existiert. Sie seien schließlich hervorragende Landschaftspfleger für die arme Hauptstadt. "Billiger geht es doch nicht", sagt Mendler.

 

Doch noch ist unklar, wie lange es seinen Milchhof geben wird. Joachim Mendler ist Junggeselle, Bruder Georg hat einen zehnjährigen Sohn. Aber wer weiß, was der später vorhat. "Man kann ja keinen zwingen. Als Bauer muss man einfach in seinem Beruf aufgehen", sagt der Onkel. Er persönlich wusste schon früh, dass er einmal den Hof übernehmen will. Eine Kfz-Lehre absolvierte er nur, um sich besser mit der Technik auf dem Hof auszukennen. Doch nicht jedes Bauernkind will, wenn es groß ist, wie die Eltern jeden Tag um vier Uhr morgens aufstehen, um das Vieh zu versorgen. Wohl auch deshalb gehört Mendler zu einer bedrohten Art. Auch er muss sich manchmal von seinem Traumberuf erholen. Demnächst auf Mallorca. Joachim Mendler : "Man kann einfach so Mechaniker werden. Aber nicht Bauer."