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Vom Wasserturm, einem Karnickel, einem Pferd und einem kulinarischen Kosmos


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Ich möchte mit unserer blinden Freundin Jessica Schröder den Wasserturm besuchen. Das Wahrzeichen von Prenzlauer Berg. Die Produktionsassistentin Schippenbeil hat recherchiert. Die nächste Führung findet nächsten Samstag statt.
Treffpunkt 10:30 am Balzak einem Kaffeehaus in der Schönhauser Allee. Gegenüber vom U- und S- Bahnhof und meiner Wohnung. Wir treffen uns immer dort. Den Punkt treffen wir (blind) immer, obwohl Jessica blind und ich Österreicher bin.

 

Zusammen fahren wir die zwei U- Bahn- Stationen zum Senefelder Platz. Von dort – ein Klacks. Die Führung beginnt oben, auf dem Wasserspeicher, der... so genau habe ich nicht zugehört, denn schon lockt ein seltenes Vergnügen für Jessica.
Ein kleines Mädchen führt ihr Karnickel an der Leine aus. Ich weiß, dass Jessica Tiere mag. Wir entfernen uns von der Truppe und gehen eine Runde streicheln.

 

Zurück zur Führung werden wir von der Produktionsassistentin gebrieft und können voll informiert die Wendeltreppe hinab steigen. Unten befinden wir uns im großen Wasserspeicher. Die Akustik ist berauschend. Hier wird jeder Furz zum Erlebnis. Bis zu 18 Sekunden Nachhall! Die Führung ist richtig gut gemacht. Ich kann Jessica noch die neuen Löwen zeigen, eine Bronzeskulptur mit Löwenmutter und zwei Löwenkindern, taktil erfassbar.

 

Am Ausgang des kleinen Wasserspeichers entdecke ich ein Schild: „Dieser Weinberg wurde der Stadt Berlin von der Stadt Wien geschenkt.“ Zum Spaß insistiere ich darauf. Ich bin selbst Wiener. Herr Krause, unser engagierter Führer erwähnt das immer, aber heute hat er es vergessen, weil die Kollegin zu spät kam.
Irgendetwas fehlte am Beginn der Führung, spürbar. Es war die Kollegin, aber das wusste nur Herr Krause. Die Kollegin ist da. Krause wird locker und die Führung ein Erlebnis.

 

Wir werden dann noch ins Bezirksmuseum eingeladen, aber das macht für Blinde meist keinen Sinn. Wir lassen es.

Die Produktionsassistentin Sandra Schippenbeil geht ihrer Wege, Jessica und ich auf den Markt am Kollwitzplatz. An einem Seifenladen bleiben wir stehen und riechen uns durch Vanille, Zedernholz, Olive und was weiß ich was durch. Es wird dann Honig für 2 Euro 50.

 

Ich entdecke eine Kutsche mit Pferd. Mit Jessica bahne ich mir einen Weg dahin und führe Jessicas Hand zur Pferdemähne. Ich kann es mir wieder mal nicht verkneifen eines meiner albernen Späßchen zu treiben. Scheinheilig frage ich: „Jessica, fühlst du was das ist?“ Erschrocken macht Jessica einen Satz nach hinten: „Ein Pferd?!“
Stimmt! Mein Gott, was bin ich doch wieder lustig.

 

Meine Freunde Ulli und Roland, auch Österreicher, haben am Kollwitzplatz einen Stand: den ‚Knödelkosmos’. Schwer zu finden in dem gediegenen Gedränge. Mein Handy hilft uns den Knödelkosmos zu finden. Jessica und ich werden ins Zelt, zu Parmesanknödeln und Marillenknödeln eingeladen. Ein verrücktes Wetter. Der Himmel blau, die Temperatur bei 14 Grad und Sturmböen, die die Hüte fliegen lassen. Der Wind drückt die Zeltplane in unsere Rücken. Roland hängt sich schon mal kurz an den Giebel, um seinen Kosmos am Boden zu halten.
Dabei macht er Knödel mit Parmesan, mit Zwetschgen, mit Marillen und vor allem mit Liebe.

 

Es ist schön da zu sitzen. Ich erzähle Jessica, dass die Menschen, die hier an ‚unserem‘ Stand vorbeidefillieren um die fünfzig sind, teure Lodenmäntel tragen und gesund ernährt wirken. Hier herrscht eine völlig andere Atmosphäre als beispielsweise am Karl- Marx- Platz in Neukölln, wo es lauter, ruppiger, aber auch erheblich billiger ist. Das Achterl Wein, das sich Jessica und ich ausnahmsweise schon vormittags gönnen, rundet diesen wirklich sehr gelungenen Ausflug zum Wasserturm und zum Markt mit angeschlossenem Kosmos ab.