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Das Musikinstrumenten-Museum


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Als wir durch das Musikinstrumenten-Museum geführt wurden, hatten viele von uns, die nichts sehen, vor allem das Bedürfnis, die Instrumente zu befühlen, am liebsten die alten, denen man sonst nicht zu nahe kommen darf. Die Stimme des Herrn, der uns führte, klang – nach einer freundlichen Begrüßung – auf einmal entschiedener: „Bitte, fassen Sie dieses alte Cembalo nicht am Rahmen an. Es ist äußerst kostbar, da hat der Instrumentenbauer nämlich aus verschiedenen Einlegematerialien Chinoiserie angebracht, das war damals gerade die Mode!“ Das Cembalo hat die gleiche längliche, spitz zulaufende Form wie ein heutiger Flügel, ist aber nur ein Drittel so groß und im Ganzen viel zierlicher. Es ist mit zwei übereinander angeordneten Klaviaturen ausgestattet, hier Manuale genannt. Die hellen Blumenmotive, die so genannte „Chinoiserie“, läuft ringsum auf dem Rahmen des Instruments entlang. Eine konkrete Beschreibung wie diese aussieht, wird nicht gegeben. Es wagt aber auch keiner mehr zu fragen.

 

Natürlich gibt es andere Führungen, bei denen die Blinden mehr zu fassen bekommen, zum Beispiel bei den Blasinstrumenten. Es ist äußerst schwierig, so ein Musikinstrumentenmuseum zu beschreiben. Zu vielfältig war die Jahrhunderte lange Entwicklung der Blas-, Streich- und Tasteninstrumente. Die Rhythmusinstrumente nicht zu vergessen. Deshalb will ich hier vor allem einige Höhepunkte wiedergeben.

 

Was kann einen Blinden in diesem Musikinstrumenten-Museum besonders ansprechen?
1. Bei einem Cembalo am Kiel einer Rabenfeder herumzufummeln, die – irgendwie – in einer Schweinsborste aufgehängt ist. Mit diesem ausgebufften Arrangement aus dem Tierreich werden nämlich beim Cembalo die Saiten gezupft. Wie das wirklich geht, wurde nicht deutlich, konnte es wohl auch nicht, weil der Mechanismus kleinteilig und kompliziert ist.

 

2. Bei einem Hammerklavier unter die Saiten zu fassen – an der Stelle, wo ein großes Pergamentpapier angebracht ist. Wenn dann der Spieler den entsprechenden Zug zieht, schnarrt es nicht nur als Klang, sondern die ganze Hand wird sozusagen beschnarrt. Das dürfte zu einer Art von Tiefenentspannung führen. Das Hammerklavier weist ebenfalls die längliche Form des heutigen Flügels auf, ist aber nur etwa knapp halb so groß. Durch andere Klangzüge neben dem Schnarrzug verfügt es über Möglichkeiten der Klangveränderung, die man heute so nicht mehr kennt.

 

3. Am Regal, einer kleinen Vorform der Orgel, zu stehen und abwechselnd die beiden Blasebälge links und rechts zu bedienen, während auf der anderen Seite jemand auf der Tastatur spielt. Das Instrument ist kastenförmig, etwa 1,80 m mal 1,80 m. Die beiden Blasebälge liegen oben auf und werden von hinten bedient. Was der Musiker auf der Tastatur spielt, klingt so, als käme es aus dem Bauch eines Dudelsacks. Dann fühlt man sich automatisch in die schottischen Highlands versetzt, meint, man hätte einen Kilt an und denkt, peinlich berührt, daran, dass man doch eine Unterhose trägt, auf die der echte Schotte verzichtet. Und schon hört man die kläffende Hundemeute, die Dudelsackpfeifer und die berittenen Jäger kommen und auf Gälisch „Waidmannsheil!“ oder ähnliches rufen. Voraussetzung ist natürlich die Bedienung der beiden Blasebälge in einem gleichmäßigen Rhythmus.

 

4. Während des Spiels in den Bauch einer Viola d’amore, die größenmäßig etwa zwischen Bratsche und Cello liegt, zu fassen, falls eine Klappe existiert. Innen sind weitere Saiten gespannt, die während des Spiels ständig mitklingen. Das ergibt diesen reichen Obertonklang. Mit viel Phantasie fühlt man sich an die indische Sitarmusik erinnert, bei der auch fortwährend Saiten mitklingen, denkt vielleicht an die Zirkusnummer, als man noch etwas gesehen hat. Von solcher Musik begleitet, kamen die Elefanten herein. Beim ersten Elefanten war der Rüssel nach oben gebogen, in der Beuge saß eine strahlende halbnackte Schöne, perfekt geschminkt, die mit ihren Armen schlangenartige Bewegungen vollführte. Aber, wie gesagt, das war früher. Viola d’amore, Liebesviola heißt das Instrument, wie gesagt. „Ma in Italia, mille tre, mille tre!“

 

5. Sich an ein französisches Cembalo mit Lautenzug zu stellen. Zieht man da ein bestimmtes Register, wird durch unzählige Filzpartikel ein ganz anderes Klangmuster erzeugt, das wie Harfenmusik klingt. Vielleicht sieht man vor seinem inneren Auge diese typisch rotblonden Harfenspielerinnen mit den langen Fingern in den spätromantischen Großorchestern sitzen und hingebungsvoll zupfen. Oder man versetzt sich an die bretonische oder irische Steilküste, wo ein junger Harfenspieler mit Barett und Feder die wieder entdeckte keltische Harfe spielt, die immer dann am lautesten erklingt, wenn die Wellen zurückweichen.

 

Das absolute Highlight des Museums stellt eine große Kinoorgel dar. Kinoorgeln sind Pfeifenorgeln, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Begleitung von Stummfilmen in Kinos der USA eingesetzt wurden. Sie verbreiteten sich später in ganz Europa, verloren ihre Bedeutung jedoch wieder, als der Tonfilm aufkam. Die hier im Museum heißt Wurlitzer Orgel, genauer „Mighty Wurlitzer“. Der Spieler sitzt vor einem weißen Kasten, von etwa der gleichen Größe wie bei der Orgel einer mittleren Pfarrkirche. Er sitzt auf einer Bank, hat mehrere Manuale vor sich - beidseitig sowie unter und hinter sich eine große Anzahl von Registerzügen und sonstigen Knöpfen, die der Erzeugung vielfältiger Effekte dienen. Die Pfeifen sind oberhalb auf einer Empore angebracht. Man kann sich kaum ein phantasievolleres Instrument als die Wurlitzer Orgel vorstellen.

 

Die Effekte, die sich einstellen lassen, sind äußerst abwechslungsreich: Da kommt auf einmal stärkerer Wind auf, wenn das Wetter schlechter wird. Ein Zug fährt durch einen Tunnel und tutet. Militärmusik mit Tschingdarassa erschallt. Für Kirchenszenen ertönt eine große Orgel, die durch das Langhaus braust. Verschiedene Kirchenglocken ertönen. Schnarren, Tamburine, Schlagzeuge treiben ihr Spiel. Plötzlich ein zartes Marimbaphon und Orgelklänge, die sich mit Vogelgezwitscher vermischen.

 

Man kann sich vorstellen, wie damals die Wurlitzer Orgeln die Stimmung in den großen Lichtspielhäusern anheizten, zumal ja auch die Schauspieler in den Stummfilmen besonders effektvoll spielten. Bei starker Trauer oder Sehnsucht wogte der Busen erheblich. Bei Zorn wurde die Augenbraue besonders stark hochgezogen. Und so weiter.

 

Es ist beeindruckend, anhand der reichhaltigen Sammlung des Musikinstrumenten-Museums, das bereits 1888 gegründet wurde, vorgeführt zu bekommen, wie viel Scharfsinn, Erfindergeist und Materialkenntnis in die Entwicklung der Musikinstrumente eingegangen ist. Allerdings lag von Anfang an das Hauptgewicht auf der klassischen Musik. Von den vielen originellen Instrumenten, die das Volk für seine Musik benutzte, ist nichts zu sehen: vom Waschbrett oder skiffle board im New Orleans oder Dixieland Jazz, von den selbst geschnitzten und gespleißten Weidenzweigen, die sich die rumänischen Hirten für ihre Melodien zwischen die Lippen klemmten, von den verbogenen Zinnlöffeln der irischen Bauern in ihren Kneipen, die ihnen als Rhythmusinstrument dienten. Wenn man die Namen der Gründer des Museums hört, weiß man, warum das so ist: Philipp Spitta, Autor der grundlegenden Biographie Johann Sebastian Bachs und Joseph Joachim, der Geiger und Freund von Johannes Brahms.