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Das Dienstmädchen in seinem Reich
Von Peter Süß
Zum Tode von Charlotte von Mahlsdorf


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Fast alles an ihr war merkwürdig und seltsam entrückt. Und zugleich hat wohl keine schwule Ikone der letzten Jahrzehnte so sehr den Weg zu den Menschen gefunden wie Charlotte von Mahlsdorf. Spätestens seit dem Erscheinen ihrer Autobiografie 1992 war sie zum Ereignis geworden. Sie wurde in Talkshows eingeladen. Tausende pilgerten zu ihren Lesungen. Niemanden wunderte das mehr als sie, die nie etwas anderes tun wollte, als Altes zu bewahren und die nie mehr sein wollte als ein "ordentliches Dienstmädchen".

 

Doch kein Zweifel, Charlotte von Mahlsdorf war vor allem eine Besessene: eine besessene Sammlerin von Möbeln, Pianolas und Grammophonen, eine besessene Retterin von Schlössern und Gutshäusern. Mit sechs Jahren schon führte sie Nachbarn durch ihr ‚Museum’. Im Stall des Hauses ihres Großonkels. Ein Refugium, das sie ausstaffierte mit den Möbeln, die auch der geliebte Großonkel bevorzugte. Gründerzeitliches. Ihre Geschichte ist bekannt und oft erzählt worden. Am Besten von ihr selbst in ihren beiden Büchern "Ich bin meine eigene Frau" und "Ab durch die Mitte". Sie galt als die letzte authentische Zeugin der Gründerjahre, jener Zeit zwischen 1870 und 1890.

 

In ihren letzten Jahren war es stiller um sie geworden - und wohl auch ein bisschen einsam. Niemand bekam wohl je einen umfassenden Einblick in ihre Welt. Denn Möbel und Gemäuer waren nicht das Einzige, wofür Charlotte sich interessierte. Immer hatte sie die Geschichten der Menschen parat, die diese Möbeln dereinst hergestellt oder erworben hatten, die in den Gründerzeithäusern gelebt und geliebt hatten. Dabei konnten die Geschichten über einfache Leute und Außenseiter in der Regel mehr Platz in Charlottes unglaublichem Gedächtnis beanspruchen als Prominente. Den Handwerkern, den Dienstmädchen, den Kneipenwirten, den Huren und Strichern gehörte Charlottes Sympathie - und natürlich den Juden, die aus ihren Häusern verschleppt worden waren und von deren Möbel Charlotte einige hatte retten können.

 

Es gehört Niedertracht dazu, Charlotte von Mahlsdorf, wie vor einigen Jahren geschehen, den Vorwurf zu machen, sie habe sich während des Zweiten Weltkrieges in der Folge der Enteignung jüdischen Besitzes bereichert – und läßt zudem die Tatsache unberücksichtigt, dass sie diesen Besitz, so es möglich war, den Nachfahren der Ermordeten zurückgegeben bzw. geeigneten Museen gestiftet hat.
1997 verkaufte sie ihr Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf an den Berliner Senat und wanderte nach Schweden aus. Einerseits als Reaktion auf rechtsradikale Umtriebe, doch mehr wohl, weil sie von ihren damaligen Mitarbeiterinnen gedrängt wurde.

 

Die Jahre in Schweden waren verbunden mit Ärger und Agonie. Schon beim Kauf der "Villa Hamilton" in Porla Brunn, zweieinhalb Autostunden von Stockholm entfernt, zahlte sie zu viel. Ihre Mitarbeiterinnen, von denen Charlotte eine adoptiert hatte, verließen sie - nicht, ohne sie vorher wie eine Weihnachtsgans auszunehmen. So hatte sich im Exil erneut jener bescheidene Lebensstandard eingestellt, der schon früher für sie charakteristisch war, bevor sie mit ihrer Autobiografie und dem Hausverkauf zu einem kleinen Wohlstand gekommen war: "Ich lebe wieder von meinen 690 Mark Rente oder was das an Euro jetzt so ist, und von dem, was die Leute für die Museumsführungen spenden", sagte sie kurz vor ihrem Tod.

 

Nun wollte sie die Villa Hamilton, die inzwischen zum Jahrhundertwendemuseum "Sekelskiftesmuseet" geworden war, am liebsten einer staatlichen Institution schenken. Doch zierte sich der schwedische Staat. Die Kosten gewahrend, die ein solches Engagement unweigerlich nach sich ziehen würde. Die letzten Tage in Berlin - sie lassen sich denn auch interpretieren als ein konsequentes Abschnurren des Lebensrestes, bevor sich die jahrzehntelange Kräfte-Verzehr in einem plötzlichen schweren Herzinfarkt niederschlug, dem Charlotte von Mahlsdorf am 30. April erlag:

 

Innerhalb weniger Tage:
- beging sie mit ihren Geschwistern den 100. Geburtstag der Mutter, die ihr so viel bedeutet hatte und die 1991 verstorben war.
- eröffnete sie das Museum Schloss Altranft, für das sie viele Möbel zur Verfügung gestellt hat und das mit ihrem Detailwissen originalgetreu eingerichtet worden ist.
- und führte noch ein letztes Mal, zur Überraschung und Freude der Besucher, am Wochenende des 26. und 27. April durch jenes Haus, das Gründerzeitmuseum zu Mahlsdorf, von dem sie schon früh wusste, dass es "ihr Schicksal" sei.

 

Vor einigen Jahren wurde der Vorwurf laut, Charlotte von Mahlsdorf habe in den siebziger Jahren als "IM" der Stasi zugearbeitet. Nie hat Charlotte das bestritten, es hat sie bloß niemand danach gefragt. Und nur wer Akten, die aus der Täterperspektive geschrieben sind, für gelebtes Leben hält und sich um persönliche Anschauung nicht schert, kann auf die absurde Idee kommen, Charlotte von Mahlsdorf habe Menschen an die Stasi verraten und ihnen damit Schaden zugefügt. Sie selbst war in jener Zeit schwersten Drangsalierungen ausgesetzt, in ihrer Not verschenkte sie einen Großteil ihrer Museumshabe an Besucher.

 

Natürlich bleiben Widersprüche, doch sind sie charakteristisch für jemanden wie Charlotte von Mahlsdorf, die in allem eine Außenseiterin war. Zugleich fügten sich diese Widersprüche auf das Glücklichste zusammen, ergaben ein nur scheinbar wirres Durcheinander. Denn in Charlotte von Mahlsdorf vermischten sich, wie in ihrer geliebten Epoche, deftig- aufbrausendes Barock mit genügsamem Biedermeier, nüchterne, fast schwerelose Gotik mit sehr viel humanistischer Renaissance. Charlotte von Mahlsdorf war ein Fleisch gewordenes Gründerzeitmöbel.