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„Das Gründerzeitmuseum von Charlotte von Mahlsdorf
oder die ungewöhnlichen Triebe des Lothar Berfelde“

 

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Dieses Museum ist ein sinnlicher Leckerbissen! Sie können alles anfassen. Die mechanischen Musikapparate werden Sie begeistern. Aber Alles der Reihe nach.
Wir können Ihnen die Bilder von Zille, die hier an den Wänden hängen, leider nicht zeigen, aber die 'Mulackritze', eine Kneipe, in der er saß und soff. Charlotte von Mahlsdorf hat nach der Schließung der Mulackritze das Kneipeninterieur gekauft und im Keller ihres Gründerzeitmuseums wieder aufgebaut. Es ist ein Schankraum und ein kleiner Gastraum, in dem wir nach Vorbestellung auch heute noch das eine oder andere Bier auf Zilles Pfaden zischen können.

 

Von diesem Gastraum führt eine kleine unscheinbare Tür ins 'Hurenzimmer': Auf einem weiß bezogenen Bett liegen gründerzeitliche Reizwäsche und antikes Sexspielzeug. Der 'Hurenbock' hatte es mir angetan. Ich kannte diesen Begriff schon vorher, aber ich dachte immer er leitet sich vom Wort 'Ziegenbock' her. Der Hurenbock aber ist ein kleiner stabiler Tisch mit 2 Löchern in der Platte. Was jetzt--? Mein Führer klärt mich auf: Also - man legt sich bäuchlings drauf-...und steckt....ja, und dann gibt’s Schläge auf den Hintern...und dann..., also für mich wäre das nichts, aber degustibus non disputare, über Geschmack lässt sich nicht streiten.

 

Hinauf! Hinauf ins Erdgeschoss! Lothar Berfelde, alias Charlotte von Mahlsdorf, hat für ihre, seine Sammelwut das Bundesverdienstkreuz bekommen. Zu Recht!
Hier würde sich jetzt eine Biographie über diesen ungewöhnlichen Menschen anbieten, aber das wiederum würde den Rahmen dieser Museumsempfehlung bei Weitem sprengen. Jetzt will ich Ihnen über das Museum erzählen. Hinauf! Hinauf ins Erdgeschoss!

 

Eigentlich ist es das Mezzanin in dem wir den Großteil der Sammlung finden.
Die Räume haben große Fenster, sind lichtdurchflutet, und wirken trotzdem seltsam schwer. Die dunklen, massiven, reich verzierten Möbel lassen die Räume kleiner erscheinen, als sie tatsächlich sind. Man könnte meinen, die Atmosphäre ist bedrohlich und düster, aber ganz im Gegenteil, sie wirkt auf mich freundlich und beruhigend. Beruhigend, weil alles an seinem Platz ist und nicht verrückt werden darf. Heute, wie damals.

 

Alle Räume sind mit Möbeln und Hausrat des einfachen und gehobenen Bürgertums aus der Zeit von 1880 bis 1900 ausgestattet. Der große Gartensaal mit Freitreppe zum Park ist als so genanntes "gutes Zimmer" möbliert. Hohe Spiegel und Deckenleuchter machen diesen Raum zum Festsaal. Das repräsentative Herrenzimmer und das neogotische Speisezimmer stammen aus dem Besitz des wohl situierten Berliner Kaufmanns Carl Wienecke. Gefertigt wurden die Möbel vom Tischlermeister Groschkus. Zu weiteren Einrichtungsgegenständen zählen Bilder, ein Schreibtisch mit Zubehör, eine Standuhr und ein gusseiserner Ofen.

 

Ich will Ihnen hier nicht alle Räume beschreiben. Der nette Museumsführer kann das ohnehin besser. Besonders sehenswert ist der rote Damensalon mit Plüschmöbeln: ein Sofa mit Spiegelaufsatz, ein Damenschreibtisch mit Zubehör sowie andere kunstgewerbliche Gegenstände. Einblick in die tagesfüllende, durch technische Neuerungen zunehmend erleichterte Arbeit der Hausfrau vermittelt die Küche. Hier werden Kindheitserinnerungen vieler Besucher wach: Eisschrank, Kartoffelschälmaschine, Kaffeemühle und ein Küchenherd samt Zubehör – bestehend aus Kohleneimer mit Zange, Einsetzringe mit einsetzbarem Wasserkessel und Kaffeeröster. Spinnenbesen, Stuhlleiter und Bolzenbügeleisen künden vom Sinn für Ordnung und Sauberkeit.

 

Für mich war die Musikmaschinensammlung am eindrucksvollsten. Mit ihren Spieldosen, dem Musikautomaten für den Restaurantbetrieb, dem Tanzsaal - Orchestrion sowie dem Phonographen und seinem jüngeren Konkurrenten, dem Grammophon mit Schellackplatten. Das Alles können Sie taktil erfassen. Die Metallscheiben mit ihren Rillen, die die Hämmer in Bewegung setzen, die wiederum ihre Bewegungen an Tasten, Tröten und was weiß ich weitergeben. Ein Erlebnis der besonderen Art: witzig, wenn man auf die Pedale des Pianolas tritt wie seinerzeit 'die fesche Lola' und sich dann die Tasten des Klaviers wie von Geisterhand bewegen.
Lassen Sie es sich nicht entgehen. Geben Sie Charlotte von Mahlsdorf die Ehre.

 

Gutshaus Mahlsdorf e.V.
Gründerzeitmuseum
Hultschiner Damm 333,
12623 Berlin
Telefon 030 / 5678329
Fax 030 / 56594873
Öffnungszeiten des Museums:
Mittwoch und Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Führungen auch nach Vereinbarung, auf Wunsch Führungen in Englisch und Holländisch
Im Gutshaus Mahlsdorf befindet sich auch der Gutshaus Service (Ausstattung von Trauungen, Geburtstagen, Familien- und Firmenfesten, Jubiläen)