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Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas - von Michaela Kirschning, Sprecherin: Juliane Gregori


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Auf der hügeligen, etwa 13.000 m2 großen Grundfläche des Areals der Gedenkstätte erwarten den Besucher 2711 leicht geneigte Betonquader, die so genannten Stelen, die in parallelen Reihen aufgestellt sind. Die Stelen haben einen identischen Grundriss von 2,38 m mal 0,95 m, sind jedoch unterschiedlich hoch und erinnern an Sarkophage. Die niedrigsten Stelen sind ebenerdige Betonplatten, die höchsten sind 4,70 m hoch. Die gepflasterte Bodenfläche ist stark abschüssig und führt unter das Niveau der umgebenden Straßen. Die 0,95 Zentimeter schmalen Gänge sind für die Besucher voll begehbar, bieten allerdings nicht genügend Platz, um zu zweit nebeneinander zu gehen.

 

Von weitem ist das Stelenfeld unauffällig. Der Weg führt hinab in ein Tal. Die höchsten Stelen wurden am tiefsten Punkt errichtet. Die strenge Anordnung wird dadurch gebrochen, dass die Bodenfläche leicht hügelig ist. Der Architekt Peter Eisenman dazu: „Wer das Stelenfeld durchwandert, verliert Richtung und Ziel und vielleicht auch seine Gewissheiten. ...in unseren Köpfen schwirren lauter Fotos und Filme über den Holocaust herum. Das Mahnmal versucht, die Macht dieser Medienbilder zu brechen. Es versucht, die Hegemonie des Visuellen zu überwinden, es setzt auf primäre körperliche Erfahrung, auf Affekte.“

 

Das Stelenfeld besitzt weder Ein- noch Ausgänge und kann von jedem beliebigen Punkt aus betreten werden. Es ist von einem breiten Gehweg umgeben: in der Mitte Schweinebauchplatten, an beiden Seiten eingefasst von einem Streifen aus Pflastersteinen. Der Gehweg bietet eine gute Orientierung. Das Areal kann vollständig umrundet werden.

 

Wer vom Potsdamer Platz kommt und der Wegbeschreibung gefolgt ist, befindet sich auf dem Gehweg der Ebertstraße, rechter Hand das Stelenfeld. Wo das Gelände der Gedenkstätte beginnt, lässt sich ertasten. Den Untergrund des Areals bildet eine Fläche aus kleinen quadratischen Betonplatten, die etwas größer und glatter sind als die Pflasterung der Gehwegeinfassung. Es empfiehlt sich, von der Kreuzung aus etwa hundert Meter auf dem Bürgersteig weiter zu laufen und sich dann nach rechts zu wenden.
Im Randbereich der Gedenkstätte stößt man zunächst auf niedrige Quader, deren Abstand noch ungleichmäßig ist. Unter Umständen muss man ein wenig suchen, um zur ersten, gut ertastbaren Stele zu gelangen. Außerdem sollte man darauf gefasst sein, statt auf einen Betonquader auf einen der 41 Bäume zu stoßen, die auf Helmut Kohls Wunsch im Randbereich angepflanzt wurden, um symbolisch einen Übergang zum gegenüberliegenden Ausläufer des Tiergartens zu schaffen.

 

Die linke beziehungsweise rechte Längsseite der ersten Stele dient jetzt als Wegweiser. Wenn Sie sich von der Längsseite aus in gerader Linie vorwärts bewegen, werden Sie schon bald auf die nächste Stele stoßen. Bald werden sie in den Bereich gelangen, in dem die Stelen schmale Gassen bilden. Ein ungewolltes Abweichen vom Weg ist jetzt nicht mehr möglich. Eine Weile lässt sich die Höhe der Betonquader noch ertasten, doch werden sie zur Mitte hin höher, bis sie uns weit überragen. Fährt man mit der Hand an der Stelenlängsseite entlang, kann man deutlich spüren, dass sie leicht geneigt sind. Man muss die bleigrauen Stelen nicht sehen, um das Erdrückende zu spüren, das von ihnen ausgeht.

 

Hier im Tal sind die Geräusche merkwürdig gedämpft. Auch der Sehende verliert hier die Orientierung und das Gefühl der Sicherheit. Während ich mich durch die engen Gänge bewege, kalte Betonoberflächen abtaste und scharfe Kanten spüre, schnappe ich Gesprächsfetzen von Menschen auf, die unsichtbar bleiben, obwohl sie sich ganz in meiner Nähe befinden müssen. Einen Moment lang wirken die grauen Stelenflächen auf mich wie Hauswände, die dicht an dicht stehen. Beklemmend.
Ich habe das Stelenfeld als einen Ort wahrgenommen, der Gegenwart und Vergangenheit in sich vereint. Unter dem Gelände des Mahnmals befindet sich ein Museum. Der Ort der Information. Die Ein- und Ausgänge befinden sich innerhalb des Areals. Die Treppenschächte sind durch Geländer gesichert.

 

Der ursprüngliche Entwurf der Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas war das Ergebnis einer Zusammenarbeit zweier New Yorker Künstler, des Architekten Peter Eisenman und des Bildhauers Richard Serra. Richard Serra aber wollte bestimmte Veränderungen an dem Entwurf nicht mittragen und hat sich noch während der Planungsphase aus dem Projekt zurückgezogen. Ein Streitpunkt war der Bau des Museums. Dieser Bau widerspricht, so Serra, der eigentlichen Absicht, einen Ort ohne bestimmte Bedeutung zu gestalten. Peter Eisenman hat diesem Museum zugestimmt und bei der Umsetzung des Entwurfs mit der Architektin Dagmar von Wilcken kooperiert.

 

In der architektonischen Gestaltung der unterirdischen Räume wird auf das Stelenfeld Bezug genommen. Die Stelen erscheinen hier in Form von Abdrücken in den Decken, aber auch als beleuchtete, im Boden eingelassene Glasplatten. Sie dienen hier als Präsentationsflächen für Bild- und Texttafeln und als Sitzgelegenheiten für die Besucher. Für blinde und sehbehinderte Besucher der Ausstellung gibt es eine spezielle Audioführung. Vor dem Einlass in die Eingangshalle muss sich jeder Besucher einem Sicherheitscheck unterziehen. In der Eingangshalle geht man gerade aus auf einen langen Tresen zu. Hier können Jacken und Taschen abgegeben und der Audioguide ausgeliehen werden. Die Audioführung dauert etwa zweieinhalb Stunden und gibt wieder, was auf den Texttafeln zu lesen ist. Zu Beginn wird man mit der Bedienung vertraut gemacht.

 

Vier Räume sind dem Gedenken gewidmet. Im Raum der Dimensionen erwarten den Besucher Textdokumente in Form von Selbstzeugnissen, die jüdische Frauen und Männer während der Verfolgung niedergeschrieben haben. Im Raum der Familien werden anhand von Bild -und Textdokumenten Familienschicksale dargestellt. Es soll veranschaulicht werden, wie sich die Verfolgung auf die gesamte jüdische Kultur in Europa auswirkte. Im Raum der Namen werden die Namen und Kurzbiografien ermordeter Juden verlesen. Gleichzeitig werden Name, Geburts- und Todesjahr der jeweiligen Person auf alle vier Wände projiziert. Die vollständige Verlesung der Namensdatenbank würde laut Broschüre, circa sechs Jahre, sieben Monate und 27 Tage dauern. Im Raum der Orte, erhält der Besucher Informationen über 200 Orte der Verfolgung und Vernichtung.