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Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Das Ensemble der Stillen Stelen


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Als der Tod ungehemmt über den Halbkontinent Europa fegte, im Norden und im Süden wenige, hingegen im Westen, im Zentrum und besonders im Osten neben Einzelnen, Familien, Dörfern, ganze Ghettos dahinraffte, hätte er da die Spuren seiner Opfer verwischen können? Wohl nicht auf Dauer.

 

Hier, am Denkmal für die ermordeten Juden Europas, in der Nähe vom Potsdamer Platz, sind die Spuren, die Selbstzeugnisse gesammelt worden. Der Architekt Peter Eisenman, der Bildhauer Richard Serra und die Architektin Dagmar von Wilcken haben es vermocht, in einer schwer überschaubaren Masse von Stelen und einem unterirdischen Dokumentationszentrum dem Blick auf das Grauen eine Gestalt zu verleihen, die im besten Sinne reduktionistisch ist und jegliches Pathos vermeidet.
Im Dokumentationszentrum gibt es einen Audioguide für Blinde, der gut gegliedert ist und es ermöglicht, sich einen  Überblick über die verschiedenen Räume zu verschaffen. Über die erklärenden und beschreibenden Texte hinaus kann man sich  Selbstzeugnisse der Opfer anhören, die wie letzte Grüße auf dem Rand einer Romanseite oder auf einem Stück Toilettenpapier daherkommen.

 

Als ich vom Rand auf das Stelenfeld blickte, kam mir zuerst die Erinnerung an jüdische Friedhöfe in Marokko in den Sinn, wo die Grabstätten ineinander geschachtelt sind und in unterschiedlicher Höhe nach oben ragen. Dort gibt es so etwas wie Friedhofsgerümpel - hier blickt man auf eine strenge Formation von so genannten Stelen, die in ihrer länglichen Form an Grabplatten erinnern. Sie ragen ohne Pedanterie empor und senken sich auf dem unebenen Gelände unterschiedlich tief nach unten, ja über dem Dokumentationszentrum stoßen sie durch den Boden und ragen in dessen Räume hinein.

 

Wenn man durch das Stelenfeld geht, versinkt man unmerklich in engen Gassen mit rechtwinkligen Querwegen. Köpfe tauchen auf, man erhascht Blicke, Gesprächsfetzen in verschiedenen Sprachen treiben heran. Vielleicht erschrickt man sogar, wenn aus der Stille der bis zu 4,70 m hohen Stelen heraus jemand den Weg überquert, ein Kind herausspringt. Es gibt keine Begegnung, man trifft unvermittelt aufeinander, prallt eher voneinander ab. Ist man schließlich durch das Tal hindurch, taucht man auf der anderen Seite  wieder auf, ist froh, den Kopf oder den Oberkörper wieder frei zu bekommen, die Enge loszuwerden und die Wolken oder das Blaue des Himmels zu sehen.

 

Das überraschende, vielleicht auch erschreckende Moment im Ensemble der stillen Stelen hinterlässt einen tiefen Eindruck. Der Blinde sieht außerdem nicht, wer da auftaucht, ihm bleiben die akustischen Fetzen und die Stelenwände, die er ertasten kann, soweit sein erhobener Arm reicht.

 

Um die aus dem Stelenfeld und dem unterirdischen Dokumentationszentrum  herausbrechende Frage „Wie konnte das geschehen?“ in angemessener Weise zu beantworten, möchte ich einige Stellen aus Hannah Arendts monumentalem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ anführen, das erstmalig 1949 erschien. Sie, die selbst als Jüdin vor den Nazis fliehen musste, hat aus eigenen Analysen mögliche Antworten herausgefiltert.

 

So schreibt sie: „Die Originalität totalitärer Herrschaft  (hier meint Arendt nicht nur den Nationalsozialismus, sondern auch den Bolschewismus Stalinscher Prägung), deren Taten in der uns bekannten Geschichte ohne Parallele dastehen, zeigte sich vorerst in dem, was man als die Verbrechen dieser Systeme bezeichnet. Das Charakteristische der in Nürnberg abgeurteilten Taten des Naziregimes war, dass sie sich weder mit unseren Begriffen von Schuld und Vergehen fassen, noch mit den uns zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln aburteilen und bestrafen ließen. Der Satz >Du sollst nicht töten< versagt gegenüber einer Bevölkerungspolitik, die systematisch oder fabrikmäßig darangeht, die lebensuntauglichen und minderwertigen Rassen und Individuen zu vernichten, und dies nicht als einmalige Aktion, sondern offenbar in einem auf Permanenz berechneten und angelegten Verfahren.

 

Die Todesstrafe für diese Kriegsverbrecher wird absurd, wenn man es nicht mit Mördern zu tun hat, die wissen, was Mord ist, sondern mit Bevölkerungspolitikern, die den Millionenmord so organisieren, dass alle Beteiligten subjektiv unschuldig sind: die Ermordeten, weil sie sich nicht gegen das Regime vergangen haben, und die Mörder, weil sie keineswegs aus >mörderischen< Motiven handelten. Das Entsetzen, das sagt: Dies hätte nicht geschehen dürfen, meint nicht, dass wir dies nicht wiedergutmachen können, sondern dass wir dies nicht verantworten können.

 

Politisch übernimmt jede Regierung eines Landes die Verantwortung für das, was die vorhergehende getan hat, auch wenn sie trachtet, es rückgängig zu machen. Ohne eine solche Übernahme gäbe es keine geschichtliche Kontinuität. Menschlich müssen wir weitgehend Verantwortung auch für das übernehmen, was Menschen ohne unser Wissen und Zutun irgendwo in der Welt verbrochen haben: sonst gäbe es keine Einheit des Menschengeschlechts“. Diese Sätze kann ein jeder auf die jeweiligen Verbrechen der eigenen Gegenwart beziehen.

 

Was die konkrete damalige politisch-ökonomische Situation anbelangt, so wurden die
Krisen der industriellen Produktion und ihrer Verwertung tief greifender. Die Staatsmacht wuchs mit der totalitären Herrschaft maßlos an. Das von den alten Bindungen freigesetzte Individuum war plötzlich ungeschützt und mit ihm große Teile der Gesellschaft. Sie war im Kern entsolidarisiert, psychologisch und faktisch im Kriegszustand. Die Inszenierung für eine Tötungsmaschinerie, die sich durch die Eroberung weiter Teile Europas an unzähligen Plätzen weitgehend unbemerkt in Stellung brachte, war perfekt. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist im eigentlichen Sinne ein offenes Kunstwerk.