Inhalt

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

Audiodatei zum Download (mp3 - 5500 kB)


Erlebnisbericht von einer Velotaxitour - von Jessica Schröder


Als mir Albert erzählte, dass nun auch Velotaxitouren für Sehbehinderte und Blinde in den Stadtführer aufgenommen werden, war ich gleich ganz wild darauf, einmal mit so einem Velotaxi durch die Straßen Berlins zu cruisen. Citycruiser heißen die Fahradtaxis, die jetzt schon seit über 10 Jahren in Berlin im Einsatz sind. Ich fühlte mich bei dem Wort Fahrradtaxi immer an fernöstliche Länder erinnert, wie Indien oder Japan, wo die Rikschas eines der Haupttransportfahrzeuge zur Personenbeförderung darstellen. Das Fahrradtaxi stammt ursprünglich aus Japan und wird dort als Menschenkraftwagen bezeichnet.

Mir war lange nicht bekannt, dass es auch in Deutschland die Möglichkeit gibt, sich von einer Rikscha befördern zu lassen und deshalb wollte ich nach dem Studium unbedingt nach Indien reisen, um einmal eine Fahrt mit einer Rikscha zu erleben. Na ja bis jetzt hat das Geld für so einen Indientripp nie gereicht und deshalb war ich wahnsinnig happy, als ich mich am Freitag Morgen mit Sandra an unserem gewohnten Treffpunkt, dem Balzac-Kaffee traf, um Berlin einmal auf eine andere Weise kennen zu lernen.

Ich war zwar ganz schön müde, weil ich die Nacht an meiner Diplomarbeit rumgebastelt hatte, aber Sandra schleppte mich kurzerhand zum nächsten Bäcker, wo ich erstmal Energie auftanken konnte. Danach fuhren wir mit der Straßenbahn zum Nordbahnhof, wo wir uns mit dem Velotaxifahrer verabredet hatten. Kaum aus der Bahn gesprungen saß ich auch schon im Velotaxi. Ich fand das toll, denn lange laufen hätte ich aufgrund meines übernächtigten Zustands nicht gut vertragen. Es war auch gleich urig gemütlich in dem Velotaxi, denn wegen der Kälte lag auf der Rückbank eine warme, weiche Decke in die wir uns kuscheln konnten. Sandra hatte auch gleich noch eine zweite mitgebracht, so dass wir auch einen Trip zum Nordpol ohne Unterkühlungserscheinungen überstanden hätten.

Unser Velotaxifahrer war supermotiviert, voller Elan und wesentlich ausgeschlafener als ich. Für ihn war es die erste Tour im neuen Jahr und irgendwie tat er mir ein bisschen leid, weil er sich nun für uns abstrampeln musste. Aber er hatte Lust und war entspannt, so dass sich meine anfängliche Sorge schnell in freudige Erregung verwandelte. Ich berührte mit den Händen das Fenster zu meiner rechten, das sich anfühlte wie Plastik. Irgendwie fühlte sich alles nach Plastik an und klang hohl, wenn man dagegen klopfte. Auch die Akustik im Velotaxi klang dumpf und ich musste an Rumpel aus der Sesamstraße denken, der ja sein zuhause in einer Mülltonne hat. Bei Rumpel zu Hause hört es sich wohl auch so an. Später habe ich gelesen, dass das Material, aus dem das Velotaxi angefertigt ist recyclebares Polyethylen ist. Polyethylen ist super umweltverträglich und stabil.

Als sich Sandra neben mich gekuschelt hatte, ging die Fahrt auch schon los und die Mülltonnenassoziation war verflogen. Ich steckte meinen Kopf durch das runde Fenster und ließ mir den kalten etwas schneidenden Wind ins Gesicht wehen. Das Taxi rumpelte über die schlecht asphaltierten Straßen von Berlin und ich spürte ein leichtes Kribbeln im Bauch, weil ich das Gefühl hatte, dass sich jede Bewegung und jeder Ruck des Fahrradtaxis auf meinen Körper übertrug. Obwohl ich geschützt in einem Fahrzeug saß, hatte ich trotzdem das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Ich spürte jeden Huckel und jede Steigung der Straße. Ich hörte die lauten Motoren der Busse und Autos, die das leise Rumpeln und Sirren unseres Taxis fast unhörbar werden ließen. Wenn wir an Häusern oder Baustellen vorbeifuhren, veränderte sich sofort die Akustik. Es klang, als ob man durch einen Tunnel führe, dabei war es nur ein Haus, das etwas dichter an der Straße stand oder eben ein Bauzaun.

Ich war ganz aufgeregt und nervte Sandra mit Fragen wie: Wo sind wir gerade lang gefahren? Warum klingt das jetzt so dumpf? Was hat da geknackt? Ich war plötzlich nicht mehr 25, sondern 5 Jahre alt und erlebte die Welt aus einer anderen Perspektive, die mich erstaunte und verwirrte. Als die Straße etwas anstieg, schaltete unser Fahrer den elektrisch betriebenen Hilfsmotor ein, dessen Sirren mich an meinen noch ausstehenden Zahnarzttermin erinnerte.

Der Motor eines Velotaxis funktioniert nur, wenn der Fahrer auch noch in die Pedale tritt. Er erleichtert ihm nur das Treten. Ohne Eigenleistung des Fahrers verweigert er seinen Dienst. Schön, wenn auch Elektromotoren einen eigenen Willen entwickeln. Wer sich mit dem Velotaxi durch die Gegend chauffieren lässt, tut auch etwas für die Umwelt. Hauptsächlich wird das Taxi durch Muskelkraft angetrieben und der Hilfsmotor wird durch einen 12 Voltakku mit Energie versorgt. Also superinnovativ und umweltfreundlich die Kiste.

Nach etwa 20 Minuten erreichten wir die Kastanienallee, die ich sonst immer zu Fuß entlang schlendere. Ich hörte das Klacken von Hackenschuhen auf dem Fußweg, Wortfetzen, die an mir vorüberzogen, ein Fahrrad, das an mir vorbeisauste und bei mir den Eindruck erweckte, das wir unendlich langsam fahren müssten, obwohl es sich in meinem Bauch ganz anders anfühlte. Was mich sehr berührte war, dass auch eine Pferdekutsche an uns vorbei trappelte. Das lässt in mir immer ein bisschen Erinnerung an meine Kindheit anklingen, die ich größtenteils in einem Kuhdorf verbracht habe. Wir machten dann noch einen Abstecher zum Kollwitzplatz, auf dem gerade Markt war. Schon durchs Taxifenster drang mir eine Mischung aus Fisch, Brot und Bratwurstgeruch in die Nase und ich bequatschte Sandra hier anzuhalten und ein bisschen über den Markt zu schlendern. Auf dem Markt ergatterte ich dann auch gleich eine Rosenseife. Kein Seifenstand bleibt von mir unbehelligt, wenn meine Nase erst mal von ihm Wind bekommt.

Nachdem wir uns durch das Geruchs- und Fresssamelsurium des Marktes gewühlt hatten, nahm ich das Velotaxi etwas genauer unter die Hände. Die Räder des Taxis fühlten sich an wie gewöhnliche Fahrradräder, nur größer. Die Form des Taxis erinnerte mich etwas an die Form eines Segels. Da meine Finger wegen der winterlichen Temperaturen ziemlich erfroren waren, habe ich mich aber eher kurz mit der Begutachtung aufgehalten, so dass ich wenig zur Form und den Einzelteilen des Fahrradtaxis sagen kann. Aber das ist ja auch irgendwie gut, denn so bleibt eure Neugier ungestillt und ihr müsst es selbst erfühlen und erleben.

Was mich echt beeindruckte, war die Kondition unseres Fahrers. Obwohl es seine erste Tour war, hielt er tapfer durch und geriet nur anfangs ein wenig außer Atem. Während der Tour schien sein Elan und seine Kraft eher noch zuzunehmen und ich konnte regelrecht spüren, wie sehr er seine Arbeit mochte. Er wurde immer lebendiger, fröhlicher und schaffte es immer wieder mich durch Anekdoten und sein waches, heiteres Wesen zum Lachen zu bringen.

Am Endpunkt unserer Tour fuhr er uns bis kurz vor die Treppe zum U-Bahnhof Senefelder Straße. Scherzhaft erwog er sogar uns die Treppe runterzufahren, was ich furchtbar lustig fand. Ich habe mir vorgenommen im Sommer, wenn das Wetter wärmer ist, noch mal eine Tour mit einem Velotaxi zu unternehmen. Es gibt so viel in Berlin was man mit diesem Vehikel entdecken kann. Das Velotaxi bringt einem alles auf eine neue Weise nahe. Auf eine Weise, die mich erstaunt und neugierig auf mehr gemacht hat.