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Mit taktilen Karten in der Kuppel des Reichstags


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Im Wetter über Berlin


Knallig grün leuchtet die große Videoreklame auf einem Hochhaus am Alexanderplatz. Die goldene Kuppel der Synagoge in der Oranienburgerstraße blitzt auf in vereinzelten Sonnenstrahlen, die gerade noch durch die dunkle Wolkenmasse dringen, ebenso wie das Kreuz auf dem Berliner Dom und die gelbe Fassade der Philharmonie. Ansonsten ist die Aussicht durch bauschige Schichten grauer, schwarzer und fahlgelber Wolken deutlich getrübt. Auch der Fernsehturm mit seinen 368 Metern ist mindestens zur Hälfte im grauen Nass über Berlin verschwunden. Stille. Abwarten. Und dann ändert sich die Szenerie schlagartig: Blitze fahren in die Stadtlandschaft und tauchen den Himmel in kränkliches Grün. Prompt folgt Donner, rollt über uns hinweg, rollt um uns herum, wird zurückgeworfen vom Echo zwischen vielgestaltigem Glas und geht buchstäblich einmal durch uns durch. Hunderte von Besuchern raunen und rufen vielsprachig um uns herum, und Regen beginnt an die schrägen Scheiben zu prasseln. In schwarzen Schlieren rinnt das Wasser herab, und schon wird der Handlauf nasser, fallen Tropfen auf uns nieder, denn da sind Öffnungen genug bis hin zu der einen großen trichterförmigen Öffnung in der Mitte der Kuppel. Die Rampe zittert von vielen weiteren Besuchern, die schnell noch von der Aussichtsplattform ins Innere eilen, um dem Wetter zu entgehen: Mein sehbehinderter Begleiter zieht seinen Blindenstock an sich und witzelt, er wolle schließlich nicht zum Schaschlikspieß werden. Ansonsten genießt er das akustische Erlebnis in vollen Zügen. Das könnte noch stundenlang so weitergehen, und für uns beide steht fest: Nirgendwo kann man ein Wetterschauspiel so eindrücklich erleben wie in Berlins prominentester und zentralster Vollglaskuppel mit Rundumpanorama: der von Sir Norman Foster erbauten neuen Kuppel auf dem alten Reichstagsgebäude, direkt über dem Plenarsaal des deutschen Bundestags.


Aber keine Sorge: Natürlich müssen Blinde und Sehbehinderte nicht auf ein Gewitter warten, um einen interessanten Nachmittag im Reichstag zu erleben. Auch bei weniger dramatischem Wetter lohnt sich der Weg und das nicht nur wegen des internationalen Flairs und der Bedeutsamkeit des Ortes für die deutsche Geschichte und die aktuelle Politik: Der Besucherdienst des Reichstags stellt verschiedene ausgezeichnete Spezialangebote für Blinde und Sehbehinderte zur Verfügung und weiß auch ansonsten, Besucher mit Handicap durch Service- und Kundenorientierung zu überzeugen. Im ersten Stock kann man sich mit Hilfe verschiedener Modelle einen Eindruck von der Architektur des Gebäudes und der Umgebung verschaffen. Die Modelle sind durch eine umfangreiche Zusammenarbeit zwischen dem Besucherdienst, den Verbänden der Blindenselbsthilfe des Bundes (DBSV) und Berlins (ABSV) und Studierenden des Instituts für Architektur und Modellbau der TU Berlin unter Leitung von Burkhard Lüdtke entstanden. Inzwischen werden sie ganz selbstverständlich von allen Besuchern der Reichstagsführungen besichtigt und betastet. Folgerichtig wurden die Modelle mit dem International Design for All Foundation Award ausgezeichnet.


Das erste Modell zeigt das Gebäude in einem Maßstab von 1:100. In seiner größten Ausdehnung ist es Armspannen breit und etwa drei Handlängen hoch. Bei der Materialentwicklung wurde insbesondere auf „Echtheit“ geachtet: Kuppel und Fenster fühlen sich glasartig an, das Gebäude selbst ist aus einem Kunststoff-Sand-Gemisch hergestellt, welches sich wie der originale Sandstein anfühlt. In aller Ruhe kann der blinde und sehbehinderte Besucher die Vorderfront mit dem Portikus und der Inschrift "Dem deutschen Volke", die zwei Innenhöfe und den Gesamtcharakter einer Festung mit vier Türmen erkunden. Auch Details wie Skulpturen und ornamentale Elemente sind originalgetreu und liebevoll nachgebildet und gut tastbar. Maßmännchen nach Art von Mensch Ärgere dich nicht Figuren zeigen die realen Größenverhältnisse von Mensch und Gebäude an. Hinter dem Gebäudemodell an der Glasinnenwand zum Lichthof befindet sich ein kleines Querschnittrelief, welches einen analytischen Blick in die architektonische Gestaltung des Innenraums des Reichstags vermittelt. Abgebildet ist neben Kuppel und Portalzone der Plenarsaal mit den Ebenen für die Abgeordneten, die Besucher und die Presse. Insbesondere von der Kuppel kann man sich einen guten Eindruck verschaffen. Gut erkennbar sind der Mitteltubus und die spiralförmigen Rampen, auf der die Besucher die Kuppel ersteigen können. Das Modell ist mit Braille beschriftet. Einige Meter weiter wird ein Stadtmodell von der Umgebung des Reichstags gezeigt. Auch hier sind die markantesten Punkte jeweils mit Braille beschriftet. Abgebildet sind etwa das Brandenburger Tor, Teile des Tiergartens mit samt der schwangeren Auster, sowie die Bahnlinie vom Hauptbahnhof bis zur Friedrichstr. und natürlich die Regierungsgebäude im Ensemble mit dem Reichstag.


Neben diesem informativen Einstieg in Architektur und Umgebung bietet die Kuppel seit 2012 einen weiteren Höhepunkt für blinde und sehbehinderte Besucher. Ausgangslage ist die Konzeption der Kuppel mit zwei für den Auf- und Abstieg als separate Einbahnstraßen konzipierten spiralförmigen Rampen. Eine durchgängige Orientierung am rechten Handlauf führt den blinden und sehbehinderten Besucher sicher und eindeutig hinauf, über die Aussichtsplattform zum gegenüber liegenden Abgang und dann ebenso eindeutig wieder hinunter zum Fuß der Kuppel. Mit Hilfe speziell bereit gestellter taktiler Karten und eines entsprechend eingerichteten Audioguides kann der blinde und sehbehinderte Besucher ohne Begleitung in der Kuppel hinaufgehen und dabei in eigenem Tempo alle von hier aus prominent sichtbaren Berliner Highlights taktil erkunden.


Die insgesamt zehn Karten erhält der Besucher am Tresen am Eingang zur Kuppel. Sie befinden sich in einem kofferartigen Behälter, der am gepolsterten Riemen nach Art eines Bauchladens umgehängt werden kann. Der Audioguide verfügt über einen Brillenbügel für das Hörteil und wird an den Riemen des Behälters angeklettet, so dass der Besucher die Hände frei hat. Der Audioguide wird über eine Induktionsschleife am Boden gesteuert. Sobald der Besucher über den Kontakt tritt, wird der entsprechende Audiotake per Funksignal in Gang gesetzt. Die Bedienung des Guide ist aber auch manuell denkbar einfach. Auf der Vorderseite oben befinden sich zwei eckige Tasten, eine für leiser, eine für lauter. Darunter sind untereinander zwei runde Tasten, die untere ist die Play und Pausetaste, die obere blendet den Take komplett aus. Der Besucher kann ihn dann mittels Play Taste erneut von Beginn in Gang setzen oder seinen Weg zum nächsten Kontakt fortsetzen. Die taktilen Karten sind arretiert und können einzeln hochgezogen und umgeklappt werden, so dass ein Betasten ohne umständliches Festhalten möglich ist. Die Karten zeigen die wesentlichen Sehenswürdigkeiten, z.B. den Dom, das Haus der Kulturen der Welt, schwangere Auster genannt, den Potsdamer Platz, die Siegessäule oder die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in vereinfachten Seitenreliefs und zum Teil in der Draufsicht in ihrer jeweiligen Umgebung. Auch während des Abgangs werden weitere Audiodeskriptionen angeboten.


Der Reichstag wird täglich von ungefähr 10000 Besuchern aus aller Herren Länder besucht und gehört als Sitz des deutschen Parlaments zu den Orten, die polizeilich besonders gesichert sein müssen. Die Anmeldung für die Besichtigung sollte deshalb spätestens drei Tage vor dem geplanten Besuchstermin vorgenommen werden. Man kann sich per Fax oder schriftlich per Post anmelden. Am einfachsten und schnellsten erfolgt die Anmeldung jedoch online über ein Formular auf der Seite des Besucherservice. Hier können Wunschtermine gelistet werden, die Terminvergabe erfolgt dann nach vorhandenen Kapazitäten. Der Besucher erhält zeitnah eine Mail mit der Bestätigung für einen der Termine mit Uhrzeit. Blinde Einzelpersonen können jetzt einen besonderen Service in Anspruch nehmen. Um auch ihnen den Weg durch die Sicherheitsschleusen und zur Kuppel bzw. den Modellen barrierefrei zu ermöglichen, bietet der Besucherservice blinden Einzelpersonen eine Begleitung durch hauseigenes Personal vom Eingang zum Kuppelaufstieg und zurück an. Für diesen Service sollten sich Einzelbesucher z.B. telefonisch oder per Mail unter Angabe des bestätigten Besuchstermins anmelden. Wir wünschen ihnen einen erlebnisreichen Besuch in Deutschlands prominentester Glaskuppel!