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Vom Vaterkuchen zum Porzellan

 

Mitten in Berlin nahe des S- Bahnhofs Tiergarten befindet sich die KPM, die „Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin“. Sie steht für einzigartiges Porzellan und stilprägendes Design auf höchstem Niveau. Schon seit 1871 wird am historischen Standort in der Wegelystraße, welche ihren Namen zu Ehren des Begründers der ersten Berliner Porzellanmanufaktur Wilhelm Casper Wegely erhielt, das über Generationen gewachsene Handwerk einer kreativen Manufaktur gepflegt. Der Preußenkönig Friedrich der Große gab der Manufaktur im Jahr 1763 Namen und Zeichen. Das kobaltblaue Zepter ist Anspruch und Qualitätssiegel eines jeden Meisterstücks Berliner Porzellankultur.

 

Am 15.02.2011 hat die Jugendgruppe des ABSV, begleitet von Mitarbeitern der kostenlosen Tourismusseite www.berlinfuerblinde.de, eine Führung durch die Räume der KPM erlebt.

 

Eine muntere und neugierige Gruppe von 14 Personen traf sich an dem kühlen und windigen Dienstag im Februar am S-Bahnhof Tiergarten, um von dort noch einen ca. achtminütigen Fußweg bis zum Museum zurückzulegen. Im Programm hatten wir nicht nur die Museumsräume, sondern auch die Werkstatt der Manufaktur, wo das Porzellan modelliert wird und langsam seine jeweilige Form, das königliche Siegel sowie die einmaligen von Handarbeit erstellten Bemalungen erhält.

 

Nachdem wir alle unsere dicken Jacken und Mäntel in der Garderobe abgegeben hatten, wurden wir auch schon freundlich von einer Historikerin in Empfang genommen, die, wie sich herausstellen sollte, unsere blinde und sehbehinderte jugendliche Gruppe anschaulich und leicht begreiflich durch die Ausstellung und die Werkstatt führte. Jeder zweite von uns bekam eine Plastikkarte umgehängt, die später den Durchgang durch speziell gesicherte Glastüren in den verschiedenen Museumsabteilungen sicherstellte. Mit diesen „Sicherheitspässen“ ausgestattet konnte es dann auch losgehen.

 

Im ersten Museumsraum bekamen erst mal nur die sehenden Teilnehmer einen Einblick und wir alle einen ersten Tast- und auch Geruchseindruck. Unter Anderem über die Entstehung der Grundmasse, dem so genannten Vaterkuchen. Verschiedene Modellierformen, Brennetappen sowie altertümliche und neuartige Techniken wurden uns spannend vermittelt. Das faszinierendste für mich war, dass sich dieser Museumsabschnitt in den ehemaligen Räumen der Porzellanbrennerei befand, so dass die meisten Vitrinen in ehemaligen Brennnischen bzw. Öfen aufgestellt waren. Erstaunt war ich auch darüber, dass die Porzellangrundmasse ausschließlich aus Naturprodukten zusammengesetzt wird.

 

Unser Glück und die absolute Premiere an dem Tag bestand darin, dass wir erstmalig als blinde Besucher auch die Werkstatt der immer noch aktiven Porzellanmanufaktur betreten durften sowie auch das in verschiedenen Etappen gebrannte Porzellan anfassen durften. Das Porzellan muss in Öfen gebrannt werden, weil es sich nur so in eine wirklich feste Form wandeln kann. Dabei stellt sich die endgültige Erscheinungsform einer Porzellanteekanne etwa erst nach dem zweiten Brennen ein. Sie ist dann auch nur noch halb so groß wie im ungebrannten Zustand.

 

Auf dem Weg zur Werkstatt gingen wir an einigen Räumen vorbei, die voll von diversen Ausstellungsstücken waren. Meine mich begleitende, normal sehende Freundin Nina geriet in Verzückung, als wir an einem äußerst prachtvoll dekorierten Mittagstisch aus dem 18. oder 19. Jahrhundert vorbei schlenderten. „Königlich“ ist wohl der passende Ausdruck für einen so pompösen, aber doch gleichzeitig sehr geschmackvollen Mittagstisch, so erklärte mir meine Freundin. Schon am Anfang der Führung bekamen wir den Hinweis, dass uns auch Audioguids zur Verfügung stehen würden. Also können Besucher der KPM durchaus auch ohne eine Führung durch die Museumsausstellung schlendern, wobei dann der Werkstattbesuch leider nicht möglich ist.

 

Direkt in der Werkstatt begrüßten uns dann zwei Mitarbeiterinnen der Manufaktur, die wir gerade beim fleißigen Arbeiten störten. Interessiert hörten wir Erläuterungen über die Geschichte und Entwicklung des Porzellandesigns an. So erfuhren wir, dass Friedrich der Große selbst vierundzwanzig unterschiedliche Porzellanservices besaß und dass die filigranen Porzellanfiguren den Königlichen Tisch bei Festmahlen schmückten. Sie dienten dazu am Essenstisch die Unterhaltung anzuregen!

 

Wir durften dann drei Teller aus unterschiedlichen Stilepochen anfassen, um die Formunterschiede selbst zu merken. Rokoko, Klassizistische und Bauhaus Stile wurden uns durch diese drei verschiedenen Teller aus den jeweiligen Epoche verdeutlicht. Es folgten noch einige andere kunstvolle Gegenstände, wie etwa die Figur zweier miteinander spielender Eisbären. Vollkommen unerwartet und neu für mich war, dass auch der kleinste Gegenstand aus mehreren Puzzleteilen zusammengesetzt werden musste, um die Stabilität und Qualität des Produktes zu sichern. Einen guten Qualitätstester würde auch unser blinder Peter abgeben, denn es gelang ihm erstaunlich schnell die winzigen Fehler in den bereits aussortierten Stücken zu ertasten.

 

Unsere letzte Station war die Porzellanmalerei. Gleich zu Beginn erfuhren wir, dass die so genannten Maler in zwei Kategorien einzuteilen sind. Einige von ihnen malen farblich und bildlich sehr naturgetreue Bilder oder Dekors auf einzelne Stücke. Die Anderen veredeln die Stücke mit Edelmetallen wie Gold oder Platin. Die Kunstmalerin erklärte, dass zur Unterstützung von Porzellanfarben Epocsid sowie Öle von Nelken und Anis verwendet werden. Ganz besonders hat mir ein Dessertteller gefallen, der gerade am Rand eine dicke Hummel aufgemalt bekam.

 

Es war erstaunlich zu erfahren, wie vielseitig Porzellan verwendet wird. So hängen in ganz Berlin fast vierhundert Gedenktafeln für berühmte Berliner, die aus Porzellan bestehen und natürlich bei KPM hergestellt werden.

 

Doch eins bekommt man nicht in der Königlichen Porzellanmanufaktur! Am Ende der Führung kam mir eine für mich wichtige Frage in den Sinn, die ich einfach stellen musste: „Kann man sich auch ein königlichen Porzellangebiss hier in der Manufaktur bestellen?“ Die Mitarbeiterin lächelte freundlich und meinte, dass sie diese Frage leider mit "Nein" beantworten muss. Obwohl es in der Produktion von Porzellanzähnen grundsätzlich keinen bedeutenden Unterschied zu Porzellangeschirr gibt, liegt die ehrenvolle Aufgabe der Herstellung eines solchen Gebisses nach wie vor in den Händen der Mediziner und Zahnärzte.

 

Wer nun noch erfahren möchte, was das zerbrechliche Porzellan mit einem massiven Kettenofen verbindet oder wo man den Vaterkuchen lagern muss, sollte sich unbedingt auf die Reise ins Herz von Berlin machen und noch mehr Geheimnisse des Porzellans selbst entdecken!