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Blindenführung durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen: Das Stasi-Gefängnis


Am 25.Juli 2011 nahmen das Team Pankow und die blinde Mandy an einer Blindenführung durch die Gebäude des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Berlin- Hohenschönhausen teil.


Im Mai 1945 richtete die sowjetische Besatzungsmacht auf dem Gelände einer ehemaligen Großküche erst ein Internierungslager und später das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Ostdeutschland ein. Ab der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Jahre 1951 übernahm dieses das Kellergefängnis.


Ende der fünfziger Jahre mussten Häftlinge das Gefängnis um einen Neubau mit über 200 Zellen und Vernehmerzimmern erweitern. Das gesamte Gelände war geheimer Sperrbezirk, den kein normaler Bürger der damaligen DDR betreten durfte und oft nicht einmal kannte.


Nach der friedlichen Revolution von 1989 und dem Sturz der SED-Diktatur wurde das Gefängnis 1990 geschlossen. 1992 wurde die Haftanstalt unter Denkmalschutz gestellt und 1994 zur Gedenkstätte erklärt. Da große Teile der Gebäude und der Einrichtung fast unversehrt erhalten geblieben sind, vermittelt die Gedenkstätte ein sehr authentisches Bild der Haftbedingungen in der DDR. Eine Besichtigung der weitläufigen Gefängnisanlage ist nur im Rahmen eines geführten Rundgangs möglich. Das Gefängnis muss den Besuchern erklärt werden.


Vor dem Haupteingang begrüßte uns Herr Juritza, ein ehemaliger Häftling des Gefängnisses, um uns durch das Gelände zu führen. Wir traten durch das große metallene Tor und nachdem dieses sich hinter uns geschlossen hatte, befanden wir uns in einer Art Käfig. Dort ging es erst einmal nicht weiter. Herr Juritza berichtete, dass in diese Fahrzeugschleuse die Transporter fuhren und dort den Häftlingen sofort klar wurde, dass sie vorerst nicht hinaus konnten. Die Gitterstäbe ließen sich gut ertasten und durch die Akustik wurde die Enge des eingegitterten Bereichs gut vermittelt.


Nach einer kurzen Einführung zur Geschichte der Gedenkstätte ließ Herr Juritza das Schleusengitter öffnen und wir gingen weiter zum ersten Gebäude. Zwischendurch erläuterte er immer wieder einzelne Details und beantwortete unsere Fragen. Wir gingen dann eine Treppe hinab in das Kellergefängnis, das sogenannte „U-Boot“, ein schmaler, dunkler, langer Kellerkorridor mit zahlreichen Metalltüren, hinter denen sich Zellen befanden. Diese waren schrecklich klein, dunkel und nur mit Holzpritsche und Eimer versehen. Besonders erschreckend war eine sogenannte „Wasserzelle“, ein winziges Verlies, das vollkommen mit Gummistreifen von ehemaligen Förderbändern ausgekleidet war. Dieser Raum wurde damals etwa 10cm hoch mit Wasser gefüllt und die Inhaftierten mussten dort ganz allein im Wasser stehend ihre Zeit verbringen. Wir durften alle Räume betreten und alles anfassen. Auch die Foltergeräte, wie zum Beispiel eine Wassertropfkonstruktion, bei der dem Gefangenen permanent Wasser auf den Kopf tropfte, wurden uns gezeigt und erklärt.


Nachdem wir diesen bedrückenden Keller verlassen hatten, überquerten wir den „Rosenhof“, einen Innenhof, auf dem ein großes Rosenbeet angelegt war. Eine perfide Idee für solch ein Gefängnis.


Dann kamen wir in den neueren Bau und betraten wieder Flure mit zahlreichen Zellen und Vernehmerzimmern. Dort konnten wir alles berühren, von den alten Telefonen über die Stühle und Tische. In einem Raum waren für uns alltägliche Dinge wie Plastikgeschirr, Aluminiumbesteck mit der Gravur „MfS“, Handschellen und Pantoffeln ausgelegt, die wir ausführlich betasten konnten. Herr Juritza führte an Mandy ein paar Knebelhandschellen vor. Er machte dies zum ersten Mal und war auch etwas irritiert. Besonders auffällig war, dass in den Räumen noch der alte „DDR-Geruch“ hing, ein besonderer Mief, der anscheinend von den Linoleumböden mit Holzmuster und den Möbeln ausging. Auch die originalen Tapeten und Gardinen waren noch vorhanden. Alles zusammen vermittelte einen gespenstischen Eindruck und ließ bei einigen Besuchern Erinnerungen wach werden.


Wir verließen dann das Gebäude und kamen an dem ehemaligen Haftkrankenhaus vorbei. Dies war nicht zu besichtigen, aber Herr Juritza ließ dort einmal den Alarm laufen. Das Getute ging uns durch Mark und Bein. Weitergeführt wurden wir in eine Freigangzelle, auch „Tigerkäfig“ genannt. Ein Hof von vielleicht fünf mal sechs Metern, kahle Betonwände mit Maschendraht abgedeckt und durch bewaffnete Wächter von oben einzusehen.


Zuletzt wurden wir im Werkstatthof zu einem „Barkas“ geführt, der ehemals als Gefangenentransporter diente. Herr Juritza erklärte, dass in dem kleinen Wagen vier Menschen transportiert wurden. Leider konnten wir die Zellenunterteilungen nicht einsehen, da eine Scheibe den Zugang verhinderte. Grundsätzlich ist dies möglich und sollte bei jeder Blindenführung vorher erfragt werden!


Damit war unsere Blindenführung beendet und wir verließen das Gelände durch den Haupteingang. Durch die persönlichen Erfahrungen des Herrn Juritza hinterließ diese Führung bei mir einen besonders starken Eindruck. Es wäre allerdings gut, bei der Blindenführung immer wieder daran zu erinnern, dass soviel wie möglich betastet werden kann. Bei den vielen Gesprächen konnte dies schnell einmal vergessen werden.
Trotzdem ist die Führung absolut lohnenswert und vermittelt einen bleibenden Eindruck eines Teils der deutschen Geschichte, der nicht vergessen werden sollte.


Text: Tatjana Rybakowski