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Berlinische Galerie


Die Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur ist bereits seit Jahren Vorreiter bei der Präsentation von Wechselausstellungen, die Zugänge für Besucher mit Behinderung erproben. Neuerdings bietet auch die Dauerausstellung „Kunst in Berlin 1880 – 1980“ ein besonderes Kunsterlebnis für blinde und sehbehinderte Gäste. In einem aufwändigen Modellprojekt in Kooperation mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) wurden für zahlreiche Werke Audiodeskriptionen geschrieben, Tastmodelle von sechs Werken angefertigt – hier waren die blista und die DZB beteiligt - und ein taktil-akustisches Orientierungssystem entworfen. Ein umfassendes Angebot also, welches bis dato bei dauerhaften Sammlungspräsentationen singulär ist.


Sehr besonders und modellhaft ist auch der Entstehungsprozess: Über zwei Jahre haben gemischte Arbeitsgruppen miteinander beraten und die Details der Texte, der Orientierung, die Materialien und Elemente der Tastmodelle diskutiert und entschieden. Dabei standen die Beschaffenheit des Bodenleitsystems, etwa die Menge der Rippen und die Größe von Aufmerksamkeitsfeldern, ebenso zur Debatte wie die Übertragbarkeit von Kunststilen in unterschiedlichen Techniken der Tastbildherstellung und ihre Wirkung auf die inneren Bilder oder die immer wieder praktisch interessante Frage, wo man/frau den Blindenstock ablegen kann, damit er beim Tasten nicht stört. Der Komplexität des Gesamtvorgangs und der fruchtbaren Einbeziehung von blinden und sehbehinderten Kunstinteressierten waren gewissermaßen keine Grenzen gesetzt…


Was erwartet nun den Besucher mit Sehbehinderung?


Das taktile Bodenleitsystem von ILIS (im Grundprinzip wie aus dem ÖPNV bekannt, aber museal angepasst) beginnt am Eingang hinter dem Windfang und ermöglicht zusammen mit den akustischen Hinweisen des Audioguides einen eigenständigen Rundgang durch die Ausstellung. Ergänzt wird das System durch einen tastbaren Orientierungsplan, der an der Kasse zusammen mit dem Audioguide erhältlich ist. Über Sinn, Nutzen, Handhabbarkeit und Tastqualität von Tastgrundrissen lässt sich oft trefflich streiten und auch dieser hier macht keine Ausnahme. Die Galerie ist sich jedoch dieser Schwierigkeiten bewusst und arbeitet weiter an einer Verbesserung. Uneingeschränkt positiv ist hingegen unser Feedback zum Engagement der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Besucherservice und der Kasse, die nicht nur freundlich begrüßen sondern auch erkennbar gut informiert sind. Kompetent wird das Audiogerät eingerichtet. Und nach dem Besuch erkundigt man sich interessiert nach den gewonnenen Eindrücken der Besucher.


Apropos Audioguide: Die Berlinische ist bemüht, es für den Besucher besonders bequem zu machen und hat sich dafür auf die neueste Technik eingelassen. Der Audioguide kann per App über das Netz auf dem eigenen Smart Phone gehört werden, oder der Besucher nutzt die museumseigenen Leihgeräte. In der Decke wurden Sensoren – sogenannte Beacons – installiert, die Ihr Smartphone oder die Museumsgeräte erkennen und automatisch die Übertragung der zu den Objekten passenden Audiotexte starten. Der Besucher muss also keine Objektnummern mehr eingeben oder andere Tasten drücken, er kann sich quasi vollends auf den Guide verlassen. Und das gilt gerade auch für die Orientierung. Beacons über den Aufmerksamkeitsfeldern lösen die entsprechenden Hinweise aus. Hierbei ist der Einfluss der blinden Berater sofort erkennbar: Vor den Richtungshinweisen wird dem Nutzer erst einmal eindeutig erklärt, wie er sich positionieren muss, um dann alles Folgende eindeutig interpretieren zu können. Unser Test ergab, dass das alles im Wesentlichen und oft sogar erstaunlich gut funktioniert. Allerdings ist es sicher gewöhnungsbedürftig. Und nicht immer arbeiten das Internet (für die App) und die Auslösemechanismen für die Texte so zuverlässig und auf den Punkt, wie die Planer sich das gewünscht hätten.


Vielfach überzeugend sind jedoch die museale Hardware und auch die sorgfältig und anschaulich aufbereiteten Audiotexte. Geduldig führen die Autoren durch die Elemente der Werke und navigieren durch die Tastobjekte. Immer wieder ist man bemüht, anschauliche alltägliche Bilder für optische Eindrücke zu finden, so etwa wenn das Modell der Sternkirche von Otto Bartning mit einer Orangenpresse verglichen wird. Das mag auf den architektonisch geschulten Betrachter befremdlich wirken, ist aber ein geeignetes, vorstellbares und treffendes erstes Bild, von dem aus weiter gedacht und imaginiert werden kann. Sorgfalt, Vielfalt und offenkundiges Ringen um die allerbeste Lösung charakterisieren auch die Tastobjekte. Fast ist die Anmut der Tänzerin in Eugen Spiros Gemälde zu fühlen oder der Lärm der Großstadt in Otto Möllers Gemälde Straßenlärm von 1920 zu spüren.


Hier wurde erkennbar mit Materialien und Stilen je nach unterschiedlichem Gegenstand experimentiert, und das Feedback der Peers hat teilweise zu unerwarteten Lösungen geführt. Etwa, wenn Fuß und Körper der besagten Tänzerin tatsächlich eine räumliche Ausdehnung erhalten haben, die optisch im Gemälde an und für sich nicht sichtbar werden, aber der Vorstellungskraft der blinden Tester entgegen kam. Wie ungewöhnlich der intensive Beratungsvorgang mit blinden Testern für den Museumskontext immer noch ist, und dass es darauf ankommt, miteinander ins Gespräch zu kommen, zeigt umgekehrt der Fall eines Gemäldes von Jeanne Mammen. Hier wurde nach Diskussion auf eine verspielte Umsetzung mit Stoff zugunsten einer sachlichen Kunststoffversion entschieden, um der kühlen Ästhetik und dem stilistischen Grundcharakter Mammens besser zu entsprechen. Besonders überzeugt wieder der Praxistest: Alle Tastmodelle sind in geeigneter Griffhöhe auf Bänken montiert, so dass es sich der Besucher bequem machen kann beim Hören und Tasten.


Das Angebot wird gut von blinden und sehbehinderten Besuchern angenommen und hat darüber hinaus auch insgesamt zu einer Steigerung der Besucherzahlen bei Besuchern mit Behinderung geführt. Damit hat die Berlinische Galerie auf dem guten Weg, der erstmalig bei der Ausstellung Wien-Berlin eingeschlagen wurde (damals beriet „Berlin für Blinde“), einen weiteren großen Schritt getan und dabei insbesondere mit der funkgesteuerten Navigation ein sehr spannendes neues Feature eingeführt.


Übrigens:
In der Sammlungspräsentation kann man auch an Führungen mit blinden und sehbehinderten Guides teilnehmen.


Anschließend empfiehlt sich das Café Dix – ein Integrationsbetrieb – mit Kaffee, kleinen Gerichten und einem sehr guten Kuchenangebot.


Und noch ein Tipp:
Auch außerhalb bietet die Galerie dauerhaft zwei besondere Schmankerl zum Tasten und Hören:
Auf dem Vorplatz des Galeriegebäudes ist von den Architekten Kühn und Malvezzi ein begehbares Buchstabenfeld aus 160 Künstlernamen angelegt worden. Die einzelnen Buchstaben entstehen durch Aussparungen innerhalb jeweils erhabener Flächen. Diese Flächen sind in kräftigem gelb gefärbt, so dass sich Buchstaben und Feld insgesamt vom asphaltierten Untergrund kontrastreich abheben. Die Buchstaben sind so groß, dass sie sich auch mit den Füßen problemlos ertasten lassen.


In der Nähe des Behinderten-Eingangs findet sich die große Skulptur mit dem Titel "Dreiheit" des Künstlerehepaares Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. Drei voluminöse Stämme aus Chromnickelstahl winden sich mit elegantem Schwung in den Himmel. Die Struktur der zusammengeschweißten Stahlrohre ist gut tastbar.  Verschiedene Klänge lassen sich ihr beim Beklopfen und Darüber streifen entlocken.


Wir wünschen einen interessanten Aufenthalt in der Berlinischen Galerie!


Stand 2018