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Das Museum der Dinge
oder
Das begreifbare Museum


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Wenn mich als Kind oder Jugendlicher jemand mit der für ihn erfreulichen Botschaft “Wir gehen ins Museum“ behelligte, sanken meine Mundwinkel nach unten. Ich machte mich auf eine Zerreißprobe meines ohnehin dünnen Geduldfadens gefasst.
Museum bedeutete für mich fast immer: Ich stehe blöd in der Gegend rum, während sich meine sehenden Begleiter die Nase an irgendwelchen Schaukästen platt drücken und mit ihren Kommentaren - zumeist aus irgendwelchen Seufzern oder Ausrufen bestehend - ihre Begeisterung oder Abneigung bekundeten. Wenn mir dann jemand erklären wollte, was er oder sie im Schaukasten sah, dann war ich dafür dankbar. Aber die Beschreibungen konnten natürlich nie das Ausstellungsstück in seiner Gesamtheit erfahrbar machen, weil mir ganz einfach die taktile Wahrnehmung fehlte. Deshalb habe ich Museen immer gehasst, weil ich mir nur aus Worten anderer ein stümperhaftes Bild eines Ausstellungsstücks zusammenbasteln musste, von dem ich nie wusste, ob es auch nur annähernd der Realität entsprach.


Als ich mit 3 anderen Sehbehinderten und Blinden das Museum der Dinge besuchte, wurde es mir zum ersten Mal wirklich möglich, einen großen Teil der Ausstellungsstücke taktil zu erfassen, so dass dieses Museum für mich wirklich lebendig und begreifbar wurde.


Das Museum der Dinge führt unter dem Titel „Kampf der Dinge“ eine Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags des Werkbundes durch, in der die Entwicklung von Alltagsgegenständen des 20. Jahrhunderts nachvollzogen wird. In dem 600 qm großen Museum in der Oranienstraße 25 in Berlin/Kreuzberg, findet sich fast alles, was Menschen innerhalb des letzten Jahrhunderts in ihrem Alltag gebraucht haben. Das Sortiment reicht von Geschirr, über Schreibwaren bis hin zu Telefonen und Schreibmaschinen.


Der Werkbund ist ein Zusammenschluss von Designern, Handwerkern, Produzenten, Kulturpolitikern und Menschen, die mit der Herstellung, der Qualitätsverbesserung und dem Vertrieb von Alltagsgegenständen betraut sind. Deren Bestreben ist es, praktische und möglichst unkomplizierte Gebrauchsgegenstände herzustellen. In seiner Anfangszeit war es dem Werkbund ein großes Anliegen, die Industrialisierung voranzutreiben, aber dennoch umweltfreundlich zu arbeiten, also recyclebare Materialien zu verwenden. Sie leiteten eine neue Epoche ein, in der kitschige Imitate durch praktische und weniger pompös aussehende Produkte abgelöst wurden.
Im Vordergrund der Arbeit des Werkbundes standen die Funktionalität und die Nachhaltigkeit.


In der Ausstellung „Kampf der Dinge“ wird die unterschiedliche Aufmachung der Alltagsgegenstände deutlich sicht- und fühlbar. So konnten auch wir durch Betasten verschiedener Exponate erfahren, worin die Unterschiede der verschiedenen Hersteller bestehen.


Zwei sehr engagierte und aufmerksame Museumsangestellte führten uns durch das Museum und eröffneten uns die Welt der Dinge. Die sonst verschlossenen Glasvitrinen, in denen die Ausstellungsstücke ausgestellt werden, wurden für uns geöffnet und der ganze Kitsch und die im Gegensatz dazu solide Funktionalität wurde fühlbar. Kitsch war z.B. eine Schale, von der der Betrachter glauben sollte, sie sei aus Kristall. Für mich fühlte sich die Schale an, wie eine ganz normale Glasschale. Nur das in ihr mehrere Ovale eingeschliffen waren. Das Imitat des Kristalls wurde auf eine einfache Weise hergestellt. Die Schale bestand aus Pressglas, in das nur einige Muster eingeschliffen wurden. Ich erinnere mich, dass meine Oma auch noch solche Schalen in ihrer verstaubten Glasvitrine stehen hatte.
Sie behauptete immer, das sind die ganz Guten und wir durften sie nur zu festlichen Anlässen benutzen.


Im Museum gab es auch Dosen aus Metall, an denen wahnsinnig viele Verschlüsse und Ringe angebracht waren. Doch keiner dieser Verschlüsse konnte seine Funktion erfüllen, weil sie nämlich einfach nur dazu dienten, die Dose interessanter zu machen. Für mich hatte diese viereckige Dose mit ihren imitierten Verschlüssen etwas sehr Verwirrendes, weil ich immer versuchte, sie an einem dieser funktionslosen Verschlüsse zu öffnen. Man imitierte auch Naturstoffe. So gab es einen Korb aus Metall, bei dem man die Struktur eines Weidenkorbes nachahmte. Das fand ich schon ziemlich seltsam, aber auch sehr aufregend. Ein besonderes Highlight war für mich die Konfrontation mit den verschiedensten Geschirrutensilien aus den letzten einhundert Jahren.


Die ganze Atmosphäre in dem Museum hatte etwas Gemütliches und fühlte sich ein wenig nach zu Hause an. Wir wurden alle in einen kleinen Ausstellungsraum geführt, der nach Holz und frischer Farbe duftete. Dort war extra für unsere Führung ein Holztisch mit verschiedenen Objekten vorbereitet worden. Wir mussten uns alle Handschuhe anziehen. Dann wurden uns Kannen und Vasen aus den zwanziger und dreißiger Jahren gezeigt. Die Handschuhe waren notwendig, damit sich das Material durch die Berührung mit den Fingern nicht verfärbt. Nickel hat z.B. die Angewohnheit sich blau zu verfärben, wenn man es mit bloßen Händen berührt. Trotz der Handschuhe konnte man die Unterschiede der Arbeiten deutlich spüren. So waren die Kannen und Vasen anderer Hersteller wesentlich verspielter und verschnörkelter als die des Werkbundes.


Mich hat es sehr beeindruckt, dass wir alle Ausstellungsstücke anfassen durften. Auch solche, deren Berührung mit Handschuhen, sonst nur den Museumsmitarbeitern gestattet ist. Als wir die Handschuhe wieder abgestreift hatten, eröffnete sich uns ein Sammelsurium an Gläsern, Tellern, Tassen, Vasen, Bestecken und Flaschen in den unterschiedlichsten Formen und Materialien. Ich fand Tassen und Teller wieder, die ich noch aus meiner Kindheit kannte. Das waren Tassen, die eine sehr breite Trinköffnung hatten, aber ansonsten sehr niedrig waren, so dass nie viel Kaffee rein ging. Ich weiß noch, dass ich beim Trinken immer höllisch aufpassen musste, dass nichts überschwappte und an den Seiten heraus floss.


Es gab auch Gegenstandskreationen, von denen ich nie geahnt hätte, dass ein Mensch sich so etwas ausdenkt. So gab es z.B. ein Glas, das einen zerbeulten Plastikbecher nachahmte. Überall im Glas waren Wölbungen und Rillen, die genauso strukturiert waren wie ein Plastikbecher. Ich fand es immer schrecklich, einen zerbeulten Plastikbecher in der Hand zu haben und war meistens krampfhaft damit beschäftigt, ihn wieder gerade zu biegen. Bei dem Glas war mein Versuch des „Reparierens“ absolut unmöglich. Das hat mich sehr amüsiert.


Eingeprägt hat sich mir auch eine sehr eigenwillige Vase. Sie bestand aus Glas, war rund und bauchig. Das Interessante an dieser Vase war ihre Öffnung. Diese bestand nämlich aus zwei kleinen miteinander verschlungen Tüllen. Es fühlte sich an wie zwei gebogene Hälse, die sich umarmen. Als ich die Vase in der Hand hielt, erinnerte sie mich an ein Liebespaar. Eng umschlungen, aber ihre Münder finden sich nicht.


Wenn ich alles aufzählen würde, was ich unter den Fingern hatte, was jedes einzelne Stück für Erinnerungen in mir auslöste, würde dieser Bericht wahrscheinlich dick wie ein Roman werden. Ich kann nur sagen, dass ich zum ersten Mal ein wirkliches Gefühl für die Materialvielfalt und den Variationsreichtum von Alltagsgegenständen bekommen habe. Für mich war der Besuch im Museum der Dinge ein sehr intensives Erlebnis. Dieses Museum hat meine Bildtastwelt, die ich in mir trage, sehr bereichert.
Es hat mir bewiesen, dass nicht nur das Auge ermessen kann, was gut, schön, praktisch, kitschig usw. ist, sondern dass auch die Hände einen Gegenstand in ihrer Ganzheit erfassen und begreifen können.